Freitag, 21. September 2018

Pinna Nobilis

von Bea Bernasconi

Ich war kürzlich an ein Arbeitsessen eingeladen, es waren verschiedene Kollegen meines Gatten präsent die von Ihren Fischerei- und Taucherlebnissen erzählten. Klar waren die Fische immer Prachtexemplare und die Tauchgänge in Apnoe wurden immer tiefer und länger…

Eigentlich hörte ich gar nicht richtig hin bis einer der Männer plötzlich erzählte, dass man aus den Barthaaren der Pinna Nobilis früher Zeremonie Schals für den Papst webte: nun war ich voll interessiert!


Pinna Nobilis, Steckmuschel


Die Pinna Nobilis (edle, oder grosse Steckmuschel) ist eine Muschel, die bis zu 1.5 Meter lang werden kann, normalerweise variiert die Grösse zwischen 60 und 90 Zentimetern. Die Muschel ist im ganzen Mittelmeer verbreitet und lebt meistens in küstennahen Seegraswiesen in 3 bis 10 Meter Wassertiefe, kann aber auch bis 60 Meter tief angetroffen werden.

Die Muschel steckt, daher Ihr Name Steckmuschel, mit dem Spitz im Sediment und ragt etwa zu 2/3 aus dem Sediment. Sie verankert sich mit den Byssusfäden an Steinchen, Schalenbruchstückchen oder an den Rhizomen der Seegräser im Meerboden.

Die bis zu 20 Zentimeter langen Fäden entstehen aus einem eiweisshaltigen Sekret einer Drüse am Fuss der Tiere (Byssusdrüse). Beim Kontakt mit dem salzigen Wasser erstarren die Fäden und werden so äusserst fein aber reissfest.Steckmuscheln können bis zu 25 Jahre alt werden.

Leider ist die Muschel durch das sammeln und durch die Verschmutzung des Wassers selten geworden.
Die Muschel wurde früher gefangen, gebraten oder gegrillt verspeist, heute ist sie geschützt!


Aber kommen wir jetzt zu den Byssusfäden der Muschel, der eigentliche Grund dieses Blogbeitrages.

Aus den golden schimmernden Byssusfäden wurde seit der Antike Muschelseide hergestellt, die bis ins Mittelalter und die frühe Neuzeit hinein als äusserst kostbarer Stoff begehrt war. Eine einzige Muschel lieferte nur etwa 1 bis 2 Gramm Rohbyssus, ungefähr 20'000 sehr feine zirka 20 bis 25 cm lange Fäden. Um 1 kg reine Muschelseide zu erlangen benötigte man 4000 Tiere!

Muschelseide 

Muschelseide ist glänzend und kann sehr schlecht gefärbt werden. Wahrscheinlich wurde das Handwerk der Muschelseidenspinnerei von den Phöniziern nach Sardinien gebracht.

An den Fürstenhöfen und für kirchliche Zeremonie Gewänder war die Muschelseide sehr begehrt.

Das älteste noch existierende Objekt aus Muschelseide ist eine gestrickte Mütze aus dem 14. Jahrhundert. 
Das Grösste noch erhaltene Objekt ist ein 400 Gramm schwerer Schal.

In Tarent (I) wurden um 1800 vor allem gestrickte Objekte hergestellt.


Detail, gestrickte Zipfelmütze 19JH Taranto Field Museum USA Chicago

In der Literatur kann man Berichte über Gewebe aus Muschelseide finden. Erhalten ist wenig davon: In London im Naturhistorischen Museum befindet sich ein gewobenes Fragment dessen Webtechnik jedoch nicht näher untersucht werden konnte.

Vielfach wurde der Muschelseide zur Verarbeitung auch Seide beigefügt, man nimmt an das es sich dabei um einen sparsamen Gebrauch der kostbaren Muschelseide handelt, man könnte sich aber auch vorstellen das es sich dabei um Farbgebung handelte da die Muschelseide nur schwer färbbar ist.


gestrickte Muschelseide

Muschelseidenpelz

Man spricht von schönen gewobenen Stoffen, die an einer Ausstellung bewundert wurden, so zum Beispiel ein «Drap de pinne marine, gilets en vigogne et pinnemarine». (Vigogne: Vikunja, Alpacca ähnliches Tier, der Gattung der Kamele, dessen Wolle früher ausschließlichen für hohe Adlige gewonnen wurde, aber das ist eine andere Geschichte)

Schal mit Muschelseidenpelz


Im Atelier von Italo Diana in Sant’Antioco in Sardinien wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur Wolle und Leinen gewoben, sondern auch Muschelseide.

Die Werke von Effisia Murroni  (gestorben 2013 im Alter von 100 Jahren) einer ehemaligen Schülerin von Diana können im ethnografischen Museum von Sant’Antioco bewundert werden.

gesticktes Motiv aus Muschelseide


Wandteppich für den Duce. Atelier Italo Diana, Sant'Antìoco, 1930er Jahre. Privatbesitz


Alle hier vorgetragene Informationen sind aus dem Internet und wollen nicht den Anspruch erhebt vollständig zu sein. Alle Bilder sind ebenfalls aus dem Internet.


Liste von Objekten aus Muschelseide die in verschiedenen Museen der Welt zu finden sind.

· Gestrickte Mütze
Field Museum of Natural History, Chicago USA.

· Ärmel pelzförmig.
Field Museum of Natural History, Chicago USA, 

· Gestrickte Kapuze XIV Jahrhundert.
Musée d'art et d'histoire, Unité d'Archéologie, St.Denis, île de-France, (F).

· Rechter Ellenbogen langer Handschuh ohne Finger, gestrickt.
Musée Zoologique, Université Louis Pasteur, Strassburg (F).

· Gestrickter Schal.
Museum d'Histoire Naturelle de Lyon (F).

· Handschuhe gestrickt.
Museum für Naturkunde, Humboldt-Universität Berlin (D).

· ellenbogenlanger Handschuh, gestrickt.
zoologische Sammlung, Universität Rostock (D).

· Kragen und Manschetten pelzförmig.
Istituto Sperimentale per la Zoologia Agraria, Padova(I).

· kurzer Handschuh gestrickt.
Museo Zoologico "La Specola", Florenz (I).

· gestrickte Krawatte.
Museo Zoologico "La Specola", Florenz (I).

· Gestricktes Jäckchen.
Museo etnografico, S.Antioco, Sardinien (I).

· dekorativer Stoff gemischt Leinen/Muschelseide
Museum der Kulturen, Basel (CH).

· Ellenbogen langer Handschuh gestrickt.
Museum d'histoire naturelle, Neuenburg (CH).

· gestricktes Fragment.
Museum d'histoire naturelle, Neuenburg (CH)

Kommentare:

  1. Man lernt doch nie aus. So interessant. Danke Bea.
    Ich werde mich umgehend ins Museum der Kulturen begeben, um dieses seltene Stück aus Muschelseide dort zu bewundern.
    Grietje

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  2. Meine erste "Begegnung" mit Muschelseide war über den Roman von Frederica de Cesco. Ich konnte fast nicht glauben, dass es so was gibt. Danke Bea für den interessanten Beitrag
    Ursula

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