Freitag, 27. Juni 2014

Kunst oder Humbug?

von Cécile Trentini




Seit Mitte April steht in Zürich ein Objekt, das schon im Vorfeld die Gemüter erhitzte und nun umso mehr polarisiert.

Worum geht es?

Am Limmatquai neben dem Rathaus befand sich einst eine Fleischhalle. Seit das Gebäude 1963 abgerissen wurde, wird über die weitere Verwendung des Grundstücks gestritten. Darum liess der Stadtrat 2008 unter der Ägide der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum einen internationalen Wettbewerb durchführen. 

"zürich transit maritim, das Siegerprojekt, besteht aus einer zeitlich gestaffelten, mehrstufigen Inszenierung, die von der verantwortlichen Künstlergruppe - Jan Morgenthaler, Barbara Roth, Martin Senn und Fabia Sephernia - als "Archäologie der Zukunft" bezeichnet wird. Basis ihres Vorhabens ist die Idee, Zürich als historische Hafenstadt und den Limmatquai als Hafenanlage vorzustellen. Um diese fiktive Vergangenheit haben die Künstler eine Erzählung entwickelt, die mit einem Schiffshorn, mit Schiffspollern,  Schautafeln und dem seit April 2014 installierten Hafenkran als bühnische Elemente operiert."
(Text der Info-Tafel)

Und deshalb steht seit Mitte April in Zürich ein Hochseehafenkran!


der im Einklang mit der fiktiven Geschichte und im Sinne der "Archäologie der Zukunft" nicht "aufgebaut", sondern "freigelegt" wurde.

Infotafel am Standort des Krans

Es handelt sich um einen ausgemusterten Portal-Hafendrehkrahn namens "Delfin" (Jahrgang 1963), der von Zürichs Schwesterstadt Rostock aus die Reise an das Ufer der Limmat unternommen hat.

Man kann sich vorstellen, dass ein solches Vorhaben ein kostspieliges Unterfangen ist. In Zeiten der Budget Kürzungen war es also nicht verwunderlich, dass die Absicht für teures Geld mit einem "Rosthaufen" das schöne Panorama zu "verschandeln" bei einigen Zürchern auf grossen Widerstand stiess.


Im Herbst 2012 lancierten bürgerliche Kreise gar eine Volksinitiative «Hafenkräne Nein», mit der sie in Zürich ein allgemeines Verbot zum Aufstellen von Hafenkränen zu Kunstzwecken erreichen wollten. Die Stadt liess sich Zeit mit dem Ausarbeiten eines Gegenvorschlags...
Zur Abstimmung wird es wohl nicht mehr kommen, denn im Januar 2014 lag die Baubewilligung vor, es gab keine Rekurse mehr, nun hatte das Projekt grünes Licht.
Allerdings warf die Frage der Finanzierung weiterhin hohe Wellen, die darin gipfelten, dass Stadtrat Martin Waser (SP) und seine Frau mit ihrem Privatvermögen einsprangen, um fehlende CHF120'000 abzudecken. Der Betrag hat sich dann dank Spenden an den von Waser daraufhin gegründeten Förderverein rasch auf CHF80'000 verringert; der aktuelle Stand der Finanzierung ist mir nicht bekannt. Wieviel auch immer Stadtrat Waser letztlich aus eigener Tasche beisteuern muss; ein solches Engagement ist auf jeden Fall bemerkenswert.
Dank der finanziellen Unterstützung von weiteren Sponsoren und privaten Spendern konnte der Kreditrahmen der Stadt eingehalten werden. Der Hafenkran kostet die Stadt Zürich nicht mehr als die bewilligten CHF600'000 - für die Gegner immer noch viel zu viel.

Und so ist auch das meist aufgeführte Argument der Gegner die "Verschwendung von Steuergeldern" (NB: Martin Waser hat vorgerechnet, dass das Kunstprojekt «Zürich Transit Maritim» jeden Zürcher, jede Zürcherin gerade mal einen Franken fünfzig gekostet habe.). Dazu wird kritisiert, dass ein rostiger Gebrauchsgegenstand noch lange keine Kunst sei. Hafenkräne gehörten dorthin, wo sie auch gebraucht werden...

Dabei kann Rost doch so schön sein!





spannend auch das Zusammenspiel von alt und neu.
Für die sichere Befestigung des Krans
mussten neue Schrauben und Muttern verwendet werden.

Eins ist sicher: der Kran regt zu Diskussionen an, er fordert heraus, er zwingt zur Auseinandersetzung - und das ist doch ein wichtiger Bestandteil von zeitgenössischer Kunst.

Er verändert sicher auch unsere Sehgewohnheiten und präsentiert die Limmatstadt und ihre Wahrzeichen in einer völlig neuen Perspektive...


Wie klein die Türme des Fraumünsters
und der Peterskirche plötzlich erscheinen!






... und  ist möglicherweise bereits zum meistfotografierten Objekt in Zürich avanciert...
Man kann aber auch herrlich mit dem Fotoapparat "spielen"








Solche Fotos eignen sich übrigens bestens als Ausgangslage für einen Quiltentwurf

- Transparentpapier über das Foto legen
- Die wichtigsten Linien nachzeichnen
- und sich dabei auch die Freiheit gewähren, Linien zu verändern, Formen zu verschieben oder ganz wegzulassen.

Das kann dann in etwa so aussehen

Die helleren (Bleistift) Linien würde ich eventuell noch weglassen.
Würde doch perfekt passen zu einem Wettbewerbsthema
"Science Fiction" oder "Fremde Welten".

Der Kran führt also zu spannenden Diskussionen, regt zum Denken an

ermöglicht einen neuen Blick auf Altbekanntes, lässt einem eine ungewohnte Ästhetik entdecken und ist erst noch inspirierend! Für mich ist also die Antwort auf die Frage "Kunst oder Humbug" eindeutig... Aber was meinen Sie?

PS:
1) Wenn man "Zürich Hafenkran" googelt, findet man unzählige Seiten und Informationen zum Thema. Drei, die ich besonders interessant bzw. informativ fand:

2) Am Wochenende vom 4. bis 6. Juli findet ein Hafenfest statt.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Freitag, 20. Juni 2014

Lotte Hofmann

von: Gabi Mett


Ich gehe nun zum zweiten Mal zurück in die Textilkunstgeschichte. Dieses Mal möchte ich die Künstlerin Lotte Hofmann aus Deutschland vorstellen.

Lotte Hofmann 1940

Lotte Hofmann wurde 1907 in Karlsruhe geboren. Mit sieben Jahren verlor sie ihre Mutter. Gemeinsam mit ihrer Schwester wuchs sie in einem Internat auf. Schon in dieser Zeit zeigten sich die Talente, die sich in späteren Jahren voll entfalten sollten. So war das Interesse am Textilen sehr ausgeprägt. 

1921 zog die Familie nach Stuttgart. Lotte Hofmann beendete dort ihre Schulausbildung. Ab 1924 widmete sie sich der Ausbildung zur Gewerbelehrerin für Kunsthandarbeit - man stelle sich diese Bezeichnung in der heutigen Zeit vor - und Zeichnen in Hamburg, Potsdam und Berlin. Großen Einfluß auf ihre künstlerische Entwicklung hatte Hermine Urban, eine Schülerin von Adolf Hölzel. 

Als besonders wichtig hat sie selbst immer die Zeit in Berlin bezeichnet. Hier besuchte sie in Abendkursen die Ittenschule. Der Schweizer Itten, ebenfalls Schüler von Hölzel, hatte schon in Weimar am Bauhaus unterrichtet. Die elementare Gestaltungs- und Formenlehre fand sich auch in seiner 1926 gegründeten Schule wieder. Lotte Hofmann sieht in den drei Jahren an dieser Schule ein wesentliches Element für ihre weitere Entwicklung. Itten vertrat eine „ganzheitliche“ Auffassung: „durch seinen Unterricht und seine Betreuung sollten sich seine Schüler nicht nur die notwendigen künstlerischen Grundkenntnisse aneignen, sondern sich auch die Individualität der eigenen Persönlichkeit bewusst machen.“ (Seite 12) 

1931 trat Lotte Hofmann das Kandidatenjahr als Gewerbelehrerin im Bonner Schuldienst an. Nach dieser Zeit absolvierte sie noch eine Schneiderlehre in einer Werkstatt in Köln und machte dort im Jahr 1932 ihre Gesellenprüfung. Im selben Jahr übernahm sie die Leitung der Staatlichen Stickschule in Mittenwalde. Von 1933 bis 1945 leitete sie die Ostpreußische Gewerbeschule. 1942 legt sie noch die Stickmeisterprüfung vor der Handwerkskammer Königsberg ab. Aus dieser Stadt flüchtet sie 1945 nach Oberrot bei Schwäbisch Hall. Dort gründet sie 1946 ihre „Werkstatt LoHo“, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1981 leitet. Hier entstehen in den Anfangsjahren neben großartigen Wandbehängen auch sehr gut gestaltete und technisch hervorragend ausgeführte Alltagsgegenstände wie Kaffeewärmer, Serviettentaschen, Tischsets, Kissenbezüge, Kosmetiktaschen oder, auch noch aus Uniformstoffen, Stofftiere. Bei dem abgebildeten Beispiel wird deutlich, dass sie auch neue und moderne Materialien mit einbezog. 

Spieltiere aus Plastikmaterial, 1950


Diese Tiere sind aus einer Plastikfolie von Hand genäht. Wenn wir uns den Kaffeewärmer genauer anschauen, entdecken wir eine uns sehr wohl bekannte Technik , die des freien Maschinenquiltens und Maschinenstickens. Diese Technik hat sie zur Perfektion gebracht.

Kaffeewärmer, 1955
Mit diesen kleinen Arbeiten, die man zu dieser Zeit als Luxusgüter bezeichnen konnte, nahm die Werkstatt LOHO an den ersten Messen nach dem Krieg in Frankfurt und Hannover teil und machte sich so einen überregional bekannten Namen. In den folgenden Jahren und bis zu ihrem Tod im Jahr 1981 entstanden auch viele große Werke: Wandbehänge, Bettüberwürfe, Vorhänge, Flecklteppiche und Theatervorhänge. Lotte Hofmann sah ihre Arbeiten als Wandschmuck, als Gemälde. Sie ging nie in den Raum wie andere Künstlerinnen in dieser Zeit. 

Am besten läßt sich ihre Gestaltungskraft an den Arbeiten selbst ablesen: Schauen wir uns den Wandbehang aus dem Jahr 1954 an:  

1954, 98 x 36 cm

Dies ist ein frühes Beispiel für die sogenannten Flecklteppiche, bei denen mit ausgefransten Quadraten oder Rechtecken aus Seide gearbeitet wurde. Die Quadrate wurden nach einem Entwurf aufgenäht und anschließend mühsam von Hand ausgefranst. Eine sehr aufwendige Vorgehensweise, die aber zu einem sehr modernen und überzeugenden Ergebnis führte. 

1957, 196 x 296 cm


Detail


Dieser Vorhang aus dem Jahr 1957 nimmt in kongenialer Weise die Pojaghi - Technik vorweg, die vor einigen Jahren hier bei uns neu entdeckt wurde. Bemerkenswert ist die Größe, in der diese Technik eingesetzt wurde. Das erfordert in jeder Beziehung großes Können. 

Vor allen Arbeiten stand ein farbiger Entwurf, umgesetzt mit Aquarellfarben, Wachsmal- oder Pastellkreiden. 



Oft wurden diese Skizzen aus der Natur abgeleitet und dann textil umgesetzt, wie diese Arbeit aus dem Jahr 1973.

1973, 78 x 96,5 cm


Die folgenden Abbildungen zeigen noch einmal Fleckle-Bilder in großer Perfektion.

1978, 79,5 x 117 cm

1978, 180 x 245 cm
 
70iger Jahre, 117,5 x 33,8 cm


Beim schmalen Wandbehang hat sie diese Technik nicht flächendeckend eingesetzt, sondern mit Maschinenstickerei kombiniert. Darin zeichnet sich ihr Gesamtwerk aus. Lotte Hofmann verstand es, die Techniken sehr bewusst und der Idee entsprechend zu kombinieren und einzusetzen. Die folgenden drei Abbildungen zeigen Werke, die im Gesamtwerk eine Sonderstellung einnehmen. 

70iger Jahre, 38 x 28 cm

1979, 59,7,x 42 cm

1981, 21,2 x 17,5 cm


Hier werden Haare, Fasern oder Fäden als großer Strang aufgelegt und mit der Maschine dekorativ festgenäht. Sie wirken durch das Übernähen wie Gewebe. Es entstanden Flachreliefs mit interessanter Wirkung. Diese Vorgehensweise, die auf eine wunderbare Weise die textilen Ausdrucksmittel nutzt, wollte ich selber immer schon mal ausprobieren. Vielleicht klappt es ja in diesem Sommer! Die Theatervorhänge oder andere große Auftragsarbeiten für den öffentlichen Raum waren genauso aufwendig gearbeitet wie die Werke im kleineren Format. Dabei standen Lotte Hofmann auch immer Frauen zur Seite, die an der Ausarbeitung mitgeholfen haben. (Wordles Wednesday) Es ist allerdings unglaublich, dass manche dieser Arbeiten verschwunden, man muss wohl sagen, entsorgt worden sind. 

Lotte Hofmann war nicht nur eine herausragende Künstlerin, sie hat auch in vielen Gremien mitgearbeitet, um dieser Kunst zu mehr Öffentlichkeit und Anerkennung zu verhelfen. Eine beeindruckende Persönlichkeit! 

Alle Abbildungen und das Zitat stammen aus dem Buch“Lotte Hofmann - Textile Bilder 1950 - 1981“ Hrsg. Harald Siebenmorgen, Autorin Heidrun Jecht, Stuttgart, ARNOLDSCHE, 1997 ISBN: 3-925369-78-3. Diese Buch kann man leider nicht mehr kaufen, es sei denn, man findet es im Antiquariat

Mittwoch, 18. Juni 2014

Freitag, 13. Juni 2014

TAF-Frauen in Birmingham

von Judith Mundwiler

....schon bald ist es soweit: Wir vier TAF-Frauen reisen nach Birmingham, jede in einer anderen Funktion oder Aufgabe!
The festival of Quilts, texture in textiles and stitch, findet vom 7.bis 10. August in Brimingham(GB) statt.
Hier ein paar Eindrücke vom Besuch der Show 2012, mit Gabi Mett zusammen. Wir waren dort, um unsere diesjährige Ausstellung mit den Organisatoren zu besprechen.

So etwa sieht es aus vor den Türen, bevor die Show beginnt!

Es sind ganz spannende Verkaufsstände zu finden.....

...wo man/frau auch um den Preis feilschen kann und sehr interessante Leute kennenlernt!


Es gibt ganz tolle Entdeckungen zu machen: hier die Ausstellung von einer ganz jungen Designerin...

...oder man findet grosse Namen, wie hier Cas Holmes.

Das ist ein bekanntes Bild von der Ladenstrasse...die sieht in allen Textilshows etwa gleich aus...

...und der Treffpunkt um sich zu stärken auch...

...oder die Kurzworkshops.
Dieses Jahr sind nun Gabi und ich mit einer Galerie dabei. Der Titel unserer Ausstellung ist: "Short Stories-Between the Lines"
Das Thema "Kurzgeschichten" lag uns nahe, da wir beide gerne mit unseren Werken Geschichten erzählen. Und der Gedanke an den Transport der Werke nach England, liess uns kleinere Formate erschaffen, die wir gut im Koffer mitnehmen können. Aber in der Galerie hat es auch grosse Wandflächen. Also entstanden in den letzten beiden Jahren bei Gabi und mir Werke, die sich zusammenfalten lassen. Diese Arbeiten sind nun zum Teil bis zu 1.80 Meter lang, aber sie bestehen aus kleineren Einzelteilen, die in einer Falttechnik zusammengefügt wurden. Jedes einzelne Teil erzählt wieder eine kleine Geschichte, die es zu entdecken gilt....
Oder wir installieren eine Serie von kleinen Arbeiten zu einem grossen Ganzen. Ich werde Ihnen hier ein paar Ausschnitte aus unseren Arbeiten zeigen. Die Grossansichten können sie entweder selbst in Birmingham erleben, oder in einem Blog nach der Show hier anschauen. Gabi und ich würden uns sehr freuen, wenn wir die eine oder andere Blogleserin in Birmingham begrüssen dürfen!
Sie werden sicher erkennen, welche Arbeit von mir ist, und welche von Gabi, oder?







Dann wird auch Greitje van der Veen in Birmingham sein mit einer Aufgabe in Folge von ihrer Ausbildung zur Jurorin.

Und auch Cécile Trenini ist hier anzutreffen. Sie hat einen Workshop ausgeschrieben. 
Wenn Sie gerne mehr über das Workshopprogramm wissen möchten, finden Sie hier mehr Infos.
Die Ausschreibung zu Céciles Thema lautet:

Freitag/Samstag, 8./9. August
My Landscape
A photography of a landscape is the source of inspiration. Students explore various possibilities to work with this picture, alter and transform it in order to design their very own interpretation of this landscape and render it in an art quilt. Technical issues such as final size of the piece and sewing possibilities will also be discussed. You will then proceed to sew your design or apply what you have learnt to a second project. Suitable for any level.

...und zu guter letzt werden Sie je ein Werk von mir und von Cécile in der jurierten Ausstellung EAQ
zu deren Eröffnung in Birmingham finden. Fotos dazu kommen dann auch nach dem Event!
Also....auf nach Birmingham!!!!

Mittwoch, 11. Juni 2014

Wordless Wednesday

von Judith Mundwiler


Freitag, 6. Juni 2014

Im Atelier!

von: Gabi Mett

Im Atelier


mein Arbeitsraum

Ein Künstlerinnengespräch im Textilmuseum in Bocholt vor zwei Wochen hat mich wieder einmal zum Denken, Nachdenken und Reflektieren über die eigenen Werke, Ideen, Inhalte und Arbeitsweisen geführt. Ich habe festgestellt, dass mich Fragen eines sehr netten und gut informierten Kurators zu meiner Person, zu meiner Arbeitsweise, zu meinem Lebenslauf als Künstlerin mehr irritierten als dass ich mich wirklich hätte erklären können. Ein Leben mit der Kunst und für die Kunst läßt sich nicht mit einem Satz erklären, auch nicht mit zwei oder drei Sätzen. Die Arbeit im Atelier zu beschreiben? Fast nicht möglich Schließlich sind die Wege, die zu einer Arbeit führen, nie gleich. Künstler befinden sich im Idealfall in einem Prozeß, der nicht immer reflektiert werden kann, einfach, weil man mitten drin steckt. Es spielt sich so vieles gleichzeitig ab beim Entwickeln, Verwerfen und Schaffen, dass auch nicht hier, im Blog, genügend Platz wäre, um diesen Werdegang zu beschreiben. Und immer noch bin ich bildende Künstlerin und nicht Schriftstellerin, die einen solchen Prozess in Worte kleiden könnte. Ich mache Bilder und Objekte, weil es für mich eine Notwendigkeit ist, mich so auszudrücken, nicht nur ein Wunsch. Wenn ich meine Ideen mehr sprachlich fassen könnte, wäre ich doch Autorin geworden, oder? 
 
Blick auf meine Stoffsammlung


Hinter diesen Schränken finden sich ebenfalss Stoffe und Garne

In diesem Zusammenhang muss ich an einen Artikel denken, den ich in der „Kunstzeitung“ in der Ausgabe vom April diesen Jahres gelesen habe. Der Herausgeber Karlheinz Schmid schreibt über die Einsamkeit im Atelier. Die Überschrift zu diesem Artikel lautet: Künstler brauchen Freunde, wahre Freunde. Das macht neugierig. Nach einer kurzen Betrachtung, wie heute in vielen Fällen Kunst hergestellt , produziert wird, oftmals nicht vom Künstler selbst, weil es egal ist, ob er den Pinsel schwingt oder einer der vielen Helfer dies tut und es dem Kunstmarkt ebenfalls egal ist, Hauptsache, der Name unter der Arbeit zieht und bringt den erwünschten Gewinn, kommt der Autor auf den Künstler oder die Künstlerin zu sprechen, der oder die einsam im Atelier um Ausdruck und Inhalt ringt, wo Emotionen, eigene Emotionen mit einfließen, wo das Abenteuer Kunst noch gelebt wird. 

ein Teil meiner Werkzeuge

Die folgende Passage möchte ich zitieren: „Unzählige Künstler... wünschen ... sich dann und wann ein gutes tiefes Gespräch, wenn schon keine Ausstellung aus der Fülle des laufend zunehmenden Bilderbergs möglich ist. Doch wo sind die Freunde, die wahren Freunde? Wo sind sie, die Menschen, die mit dem Künstler reden mögen, stundenlang, bis tief in die Nacht hinein, die mit ihm ins Philosophieren geraten, die sich trauen, selbst so viel Persönliches einzubringen, wie es im Gegenzug auch von einem Künstler erwartet wird, der eben auf aalglatte Produkte und die windschnittige Kariere verzichtet?... Die meisten Künstler jedoch sind dankbar, überglücklich, wenn sie jemanden kennen oder kennenlernen, dem sie vertrauen können, der sich einfühlt und einlässt, der gewissermassen tantrisch aufgeladen bereit ist, auf Gedanken- und Augenhöhe zu sinnieren. Nur so sind Last und Lust künstlerischen Schaffens dauerhaft zu ertragen.“ 

 
In der Vitrine findet sich Altes und Neues


Alte Garne und Garnspulen

Karlheinz Schmid bringt im weiteren zur Sprache, wie schwer es ist für den Künstler und sein Gegenüber, ein gemeinsames Vokabular zu finden, wie schwierig es ist, sich in den anderen hineinzuversetzen. „Natürlich haben es Kuratoren oder Galeristen leichter, ein Fachgespräch mit dem Maler zu führen. Aber schon die Kollegen des Künstlers dienen nicht wirklich dem ehrlichen Austausch, weil es sich immer um die Kommunikation von Mitbewerbern handelt.“ Diese Ansicht ist mir noch sehr gut im Gedächtnis geblieben beim Gespräch mit einer sehr angesehenen Textilkünstlerin, die sich genau so geäußert hat: Das Verständnis und die Auseinandersetzung mit einer Künstlerkollegin geht nur so lange gut, solange man sich nicht bei Ausschreibungen, Ausstellungen und Wettbewerben in die Quere kommt. Was meinen Sie zu einer solchen Äußerung? Muss das so sein oder geht es auch anders? Ich denke, es geht auch anders.
 
Döschen mit antiken Perlen und Baumrinde

Weiter Karlheinz Schmid: „Es geht ja nicht nur um den Informationsaustausch in Sachen Material und Preisgestaltung, sondern vor allem um das Verständnis, das etwa der Maler für seine Inhalte sucht, für seine Botschaften, allemal für die Motive der Auseinandersetzung.Und übers Phänomenlogische und die vielfach sich anschließende Interpretation hinaus will der Künstler doch auf anderer übergeordneter oder Basis gebender Ebene weiterreden. Das setzt Verständnis voraus, Vertrauen. In der Folge dann die Bereitschaft auf beiden Seiten, Nonverbales sprachlich zu erfassen. Das Atelier als Baustelle des Geistes, als Tummelplatz der Ideen. Ob evolutionär oder revolutionär!“ Ist das nicht ein interessanter Ansatz? Was könnte in solchen Momenten entstehen?
 
Leinenstoffe

Ich selber weiß um einen großen Schatz. Eine liebe Freundin, keine Künstlerin, sagt mir immer dann, wenn sie neue Arbeiten von mir sieht, auf eine sehr schöne Art, wie sie meine Arbeiten empfindet und was ihr daran behagt oder nicht. Ich darf erklären, ich darf ins Stottern kommen, ich darf auch gar nichts sagen. Immer ist es ein gleichberechtigter Austausch über das, was entsteht und über weit mehr, nämlich Gedanken zur Zeit, zum eigenen Leben und Erleben. Beglückende Momente, die ich auch noch sehr intensiv mit einer Reihe anderer Menschen, auch KünstlerInnen, erleben darf. Die Einsamkeit im Atelier spüre ich natürlich auch immer wieder einmal. Das Alleinsein im Atelier empfinde ich allerdings als eine wunderbare, inspirierende, enrgiespendende Zeit. Ich genieße es, bei mir und meinem Material und meinen Ideen zu sein. Wenn ich zu lange nicht in diesen, meinen persönlichen Bereich eintauchen kann, werde ich ruhelos. 
 
Leinenhandtücher und antike Blusen


P.S.: Alle Zitate aus: „Kunstzeitung“ Ausgabe April 2014, Seite 15. Diese Zeitung wird monatlich kostenlos in vielen Museen und an anderen Stellen verteilt. Weil sie aber so anders daher kommt, als viele andere Hochglanzzeitschriften, habe ich mir ein Abo geleistet und kann so Monat für Monat Meinungen zu Ausstellungen und anderen interessanten Events verfolgen, die etwas gegen den Strich gebürstet sind. Sehr zu empfehlen!