Freitag, 30. April 2021

textil 13: ping pong – gestalten im Dialog

Ausstellung im Ortsmuseum Meilen (CH) vom 28. Mai bis 13. Juni 2021


von Christine Läubli



Flyer



ping pong – im Hin und Her zwischen zwei GestalterInnen entstehen überraschende Dinge. Für die Ausstellung «ping pong – gestalten im Dialog» suchte sich jedes Mitglied von «textil 13» ein Gegenüber. Jedes Paar wählte ein eigenes Thema und Vorgehen. Einander den Ball zuspielend, entwickelte es in den Bereichen Kunsthandwerk, Design und / oder Kunst je eigene oder aber gemeinsame Werke.

Die Arbeit zu zweit ist anspruchsvoll und verlangt ein anderes Vorgehen als jene im Alleingang. Am Anfang steht die Akzeptanz der Verschiedenheit. Ein Dialog erfordert Einfühlung und gegenseitigen Respekt sowie die Bereitschaft für Konfliktbewältigung und Konsensfindung. Spannend sind auf jeden Fall die Ergebnisse, in denen sich nicht nur die unterschiedlichen Gestaltungsbereiche überschneiden, sondern auch die Verschiedenheit der Persönlichkeiten manifestieren.

„textil 13“ nennen sich die Weberinnen der Regionalgruppe Zürichsee, einer Untergruppe der Schweizerischen Interessengemeinschaft Weben Schweiz. Zurzeit gehören Irene Brühwiler, Regula Gysin, Catherine Labhart, Christine Läubli und Tanja Stutz dazu. 
Die Ausstellung «ping pong – gestalten im Dialog» hätte schon im Mai 2020 gezeigt werden sollen und musste wegen Corona auf 2021 verschoben werden. Mit ihr macht „textil 13“ zum achten Mal im Ortsmuseum Meilen mit textilen Werken auf sich aufmerksam.


Catherine Labhart / Heidi Arnold


Lichtreflexe auf Wasser; zwei Interpretationen desselben Themas: Zwar gehen die beiden Künstlerinnen ganz unterschiedlich an gestellte Aufgaben heran, aber im Gespräch realisierten sie schnell, dass sie nicht nur ähnliche Zielvorstellungen zu erreichen versuchen, sondern auch oft ähnliche Themenkreise bearbeiten. Eines dieser gemeinsamen Themen ist «Wasser» (Fotos: Heidi Arnold)


Christine Läubli / Susanna Hildenbrand Müller


Während der Auseinandersetzung mit dem Thema «Radicchio-Salat» entstanden unterschiedliche Ideenskizzen der beiden Künstlerinnen. Am Ende fotografierte Susanna Hildenbrand Müller Salate als Kostbarkeit, Christine Läubli gestaltete entsprechende Salatobjekte. Die Werkideen wurden bei den Treffen zu zweit diskutiert. (Fotos: Susanne Hildenbrand)


Regula Gysin / Eveline Geiger


Die Handweberin Regula Gysin und die Malerin Eveline Geiger haben sich mit der Pflanze Löwenzahn auseinandergesetzt und beim gegenseitigen Austausch neue Impulse erhalten. (Foto: Eveline Geiger)



Tanja Stutz / Anna Rapp


Ausgehend von Muscheln entwarfen die Handweberin Tanja Stutz und die Designerin Anna Rapp gestreiften Waffelstoff, wobei sie ihre Ideen gemeinsam im Hin und Her entwickelten. Aus dem Gewebe nähten sie Turbantücher, mit denen sich auf elegante Weise die Haare trocknen lassen. (Foto: Tanja Stutz)


Marianna Gostner / Christine Läubli

Landkarten faszinieren die beiden Künstlerinnen als verkleinerte, abstrahierte Abbilder von Landschaften. Marianna Gostner hat die Seiten eines alten Atlas’ aus dem Jahr 1956 zu Fäden versponnen und zu einem Flickenteppich verwebt – einer neuen Landschaft. Christine Läubli reagierte darauf, indem sie auf alte Landkarten mit der Nähmaschine wiefelte und Fragmente übernähte.


Irene Brühwiler / Andreas Hofer


Ausgehend von Tuschversuchen und Mallappen aus dem Atelier ihres Partners Andreas Hofer greift Irene Brühwiler mit Nadel und Faden ein und erschafft damit Neues. Aus dem Entstandenen inszeniert das Künstlerpaar im Hin und Her ein gemeinsames Werk. (Skizzen und Experimente von Irene Brühwiler und Andreas Hofer)



Maya Burgdorfer 1


Interaktionen aus dem Schulzimmer von Maya Burgdorfer mit ihren SchülerInnen aus Erlenbach: Ich und mein Körper:
Gesichter aus Ton: Die SchülerInnen fertigten gegenseitig Gipsabgüsse von ihrem Gesicht. Dieser Prozess erfordert viel Respekt und Vertrauen. Später machten sie einen Guss aus Ton und glasierten die Köpfe: Erkenne ich mich wieder? Erschreckt mich mein Spiegelbild oder bin ich versöhnlich mit meinem Antlitz? Bin ich stolz auf meine Gesichtsmerkmale? 
Kleider aus Papier (Fotos: Andrea Diglas): Diese Arbeit wurde in einer Projektwoche realisiert. Die Schülerinnen, altersdurchmischt, zeigten ihre Modelle auf dem Laufsteg. Die Präsentation vor den anderen Schülern im Publikum erforderte viel Mut und innere Sicherheit. Welche Bilder tragen die Mädchen in sich? Welche Träume wurden realisiert? Was ist möglich mit Papier und Karton?
Collagen: Bei dieser Aufgabe war die Herausforderung, Gefühle im Gesicht darzustellen. Es durften Augen, Nase und Lippen aus Magazinen ausgeschnitten und geklebt werden. Mit Acrylfarben, weiss oder schwarz und Pinsel entstanden diese spannenden Werke.


Maya Burgdorfer 2



Maya Burgdorfer 3

 

Maya Burgdorfer 4





TeilnehmerInnen:
Irene Brühwiler und Andreas Hofer
Regula Gysin und Eveline Geiger

Catherine Labhart und Heidi Arnold
Christine Läubli und Susanna Hildenbrand Müller
Tanja Stutz und Anna Katharina Rapp

Christine Läubli und Marianna Gostner 
Maya Burgdorfer und Schulklasse


Informationen:

ping pong – gestalten im Dialog
28. Mai bis 13. Juni 2021
Ortsmuseum Meilen, Kirchgasse 1, CH-8706 Meilen

 

Vernissage                             Freitag, 28. Mai 2021, 18 bis 21 Uhr (ohne Apéro)

Öffnungszeiten                       Mi / Fr 14 bis 19 Uhr, Sa / So 10 bis 17 Uhr




Freitag, 9. April 2021

Anni and Josef Albers by Vera Lake

Buchbesprechung von Christine Läubli

 Karen Stein, Brenda Danilowitz (Hg.)

Anni and Josef Albers by Vera Lake
Hatje Cantz Verlag 2021, 192 Seiten, 15,50 x 16,10 cm, 300 Abbildungen, Freirückenbroschur, CHF 29.90, Euro 24, englischer Text
ISBN 978
-3-7757-4888-9
www.hatjecantz.de


Die deutschen Künstler Anni und Josef Albers arbeiteten lange Jahre im Bauhaus Dessau und Berlin. Josef (1888-1976) leitete den Vorkurs als Bauhausmeister, Anni trat 1921 als Studentin in die Schule ein, wo man sie gegen ihren Willen in die Weberei einteilte. 
Nach anfänglichem Sträuben liess sie sich für das Handwerk und dessen gestalterischen Möglichkeiten begeistern und blieb auch nach der Ausbildung weiter in der Abteilung.
Josef und Anni besassen beide eine Leidenschaft für Materialien wie Stoff, Glas, Metall, Kunststoff. Sie heirateten 1925. Als das Bauhaus 1933 auf Druck der Nationalsozialisten schliessen musste, emigrierte das Paar in die USA. Dort vermittelten Anni und Josef Albers die Philosophie des Bauhauses am Black Mountain College in North Carolina.


Buch Cover



Zwei Künstlerpaare im Dialog: Anni und Josef Albers, Weberin und Maler – Francisca Rivero-Lake Cortina (*1973) und Carla Verea Hernández (1978), Fotografinnen aus Mexiko, zusammen als Lake Verea auftretend.
Die beiden Künstlerpaare teilen nicht nur die austauschende Arbeitsweise. Bei beiden findet man ein besonders feines Gefühl fürs Haptische, und bei beiden erkennen wir einen Faden nach Mexiko: Während die Fotografinnen in diesem Land geboren wurden und leben, verband das Ehepaar Albers eine besondere Beziehung mit ihm. Es begeisterte sich für die präkolumbianische Kunst der Maya und Azteken, reiste mehrfach nach Mexiko, Peru und Kolumbien und legte eine bedeutende Sammlung historischer Kunst an.


Lake Verea



2016 lernten Lake Verea die Chefkuratorin der Josef and Anni Albers Foundation Brenda Danilowitz kennen. Wenige Monate später erhielten sie eine Einladung, im Frühling 2017 zwei Monate in der Foundation in Bethany Connecticut zu verbringen und sich mit dem Archiv zu beschäftigen.
Natürlich hätten Lake Verea den Inhalt des Archivs einfach abfotografieren können. Doch sie gingen viel tiefer, suchten die Menschen hinter den Hinterlassenschaften, deren künstlerische Denkweise, Philosophie und charakterlichen Eigenheiten. Daraus entstand dieses berührende Buch.
Als Lake Verea eintrafen, war das Haus, in dem Anni und Josef gewohnt hatten, gerade zum Verkauf ausgeschrieben. Die Fotografinnen gaben ihr Interesse vor, trafen die Maklerin und erhielten so Zutritt. Die Architektur des Hauses erzählte ihnen erste Geschichten über die Menschen, die hier gelebt hatten.


Blick ins Haus, in dem Anni und Josef Albers gelebt hatten



Lake Verea begannen ihr Projekt mit den Weihnachtsgrüssen, welche Josef und Anni aufgehoben hatten. Ob die Absender die Karte selber gezeichnet, gemalt oder fertig gekauft hatten – es waren oft berühmte Persönlichkeiten, die hier in einem privaten Kontext auftauchen. Viele dieser Namen fanden Lake Verea später auch im blauen, umfangreichen Gästebuch des Ehepaars. 
Im Archiv sind auch die weissen, abgetragenen Malerhemden von Josef und Anni aufbewahrt, die noch etwas von der physischen Präsenz des Künstlerpaares enthalten.


Josefs Malerhemd


Eine Kamera aus Josefs Sammlung



Josef Albers hinterliess an persönlichsten Gegenständen ein Gedichtbuch, seine Geldbörse und einen Rosenkranz, ausserdem findet sich eine Fotokamerasammlung, welche die Fotografinnen wegen ihrer hohen Qualität begeisterte. Kontaktabzüge mit handschriftlichen Bemerkungen führen in die systematische Arbeitsweise des Künstlers ein.
Die Kistchen voller Farbtuben, auf denen Josefs Fingerabdrücke zu erkennen sind, erzählen von seinen Malereien und Farbforschungen. Auf unzähligen Papierstreifen erprobte der Künstler Farbmischungen, -kombinationen, -kontraste, -abstufungen. Seine berühmten Werke mit den drei ineinander geschachtelten Quadraten hängen fast in jedem Museum der Welt. In meiner Heimatstadt Winterthur finde ich eine Ausführung in Grauabstufungen. Vielleicht waren die Grau-Proben im Archiv die Vorübungen zu «meinem» Winterthurer Bild?


Ein paar Farbtuben von Josef Albers 


Ein Experiment mit dem Pinsel


Bild von Josef Albers im Kunstmuseum Winterthur, Schweiz (Foto: Christine Läubli)



Anni Albers war Handweberin. Die Systematik der Weberei kam ihrem Naturell entgegen. Sie erkundete solche Gesetzmässigkeiten nicht nur auf dem Webstuhl, sondern auch mit der Schreibmaschine, mit Zeichnungen oder Perforierungen auf Papier, wovon noch einige Zeugnisse im Archiv vorhanden sind.
Annis Webstuhl besass zehn Tritte und mindestens acht Schäfte. Meistens setzte sie jedoch einfache Bindungen ein, die mit vier Schäften machbar sind. Vielleicht brauchte sie die übrigen, um Musterfäden einzulegen? Für das Grundgewebe konnte sie jedenfalls einen Schnellschuss bedienen – der Griff und die Vorrichtung sind auf den Fotos gut zu erkennen. Beim Webzubehör, das die Fotografinnen für ihr Bild ausgelegt haben, erkennt die Weberin Reedekämme, Schärbrettchen, Litzen, ein einfaches Handspulgerät, ein Messband, Schafthalter, einen Kammstecher. Wo blieb wohl der Litzenstecher? Auch abwesende Gegenstände können eine Geschichte erzählen.



Annis Webstuhl


Wie Josef erforschte auch Anni ihr Handwerk in zahlreichen Musterproben und legte jeweils eine Gewebeprobe neben der entsprechenden Patrone ab. Lake Verea präsentiert eine Fülle von Gewebemustern – die Weberin versucht, Bindungen sowie Kette und Schussrichtungen zu eruieren ... (Warum wohl ist bei einem Pfauenaugegewebe eine Leinenbindungspatrone abgeheftet?)


Muster von Anni Albers mit der Schreibmaschine


Anni webte nicht nur auf dem Webstuhl, sie konnte auch auf einem Zeitungsblatt Fäden einspannen, in die sie dann Schüsse einflocht. Auf kariertem Papier malte sie grossflächige Gewebebilder, die als konstruktive Kunst durchgehen könnten. Später, als die Hand im Alter nicht mehr gut gehorchte, wurden die Zeichnungen freier, nun erinnern sie an präkolumbianische Zeichen und Schriften.
Während das Kapitel über Josefs Erbe mit seinen persönlichsten Besitztümern beginnt, endet jenes von Annis mit den ihren: ein Schlüsseletui, der Pass, eine Pfauenfedermaske, die Brille. Ausserdem eine braune Handtasche mit vier Pennies, Kofferschlüsseln, American Express-Schein und als intimstem Gegenstand einem Tuch, an dem sie ihr Makeup abgewischt hatte.



eine späte Zeichnung von Anni Albers


Der Pass von Anni Albers


Die Gestaltung des Buches entspricht dem intimen Thema. Das Werk ist klein, und das nahezu quadratische Format verweist auf die quadratischen Bilder von Josef Albers. Die «unfertige» Freirückenbroschur passt zu den unzähligen Mustern und Experimenten, an denen man durch die Fotos teilhat. Das Cover zeigt auf der Rückseite eine Fotomontage: Lake Verea schaut dem Ehepaar Albers über die Schulter. 
Die beiden Fotografinnen gehen sehr nahe an die Gegenstände heran und erfassen das Erbe des Künstlerpaars Albers in aussergewöhnlicher Lebendigkeit. Man meint, man könne die Gegenstände unmittelbar anfassen. Jedes Objekt erzählt eine Geschichte und verleiht der Fantasie Flügel. Man sieht Anni und Josef Albers arbeiten, denken, sich mit anderen Künstlern austauschen und darf dabei sein.