Freitag, 18. Januar 2019

Buchbesprechung: Anni Albers



Text von Christine Läubli
Bilder: Hirmer Verlag ©Kunstsammlung NRW





Herausgegeben von Ann Coxon, Briony Fer und Maria Müller-Schareck:
Hirmer Verlag 2018, 192 Seiten, 21 x 26,5 cm, 184 Abbildungen in Farbe, gebunden (offene Fadenheftung)
ISBN: 978-3-7774-3104-8 (deutsch), ISBN 978-1-8497-6568-8 (englisch)

Mit Beiträgen von A. Coxon, B. Danilowitz, M. Droste, B. Fer, N. Fox Weber, M. Minera, P. Mistry, M. Müller-Schareck, J. Reynolds-Kaye, T. Smith

Anni Albers in ihrer Webwerkstatt im Black Mountain College, 1937 (Fotografiert von Helen M. Post)

Anni Albers war eine herausragende Künstlerin, welche die Handweberei in die Moderne führte und als Kunstform etablierte. Obwohl sie nachfolgende Gestalter stark beeinflusste, wird ihre Arbeit erst jetzt ausreichend gewürdigt. Mit einer grossen und umfassenden Ausstellung über die Künstlerin tragen die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und die Tate Modern in London entscheidend dazu bei (9. 6. bis 9. 9. 2018 in Düsseldorf und noch bis 27. 1. 2019 in London).

Das Buch begleitet, ergänzt und vertieft die Präsentation. Es entspricht in seiner sorgfältigen Gestaltung den hohen Ansprüchen, welche die Anni Albers an sich und ihre Schülerinnen stellte. Nur die Fadenheftung ist leider zu wenig robust für einen Band, den man immer wieder gern zur Hand nimmt und vor- und zurückblättert.
Entwurf für einen Wandbehang, 1926, Gouache auf Papier, 30,8 x 22,2 cm

Anneliese Elsa Frieda Fleischmann wurde am 12. Juni 1899 in Berlin geboren. In den 1920er Jahren studierte sie am Bauhaus in Weimar. Eigentlich hatte sie Malerin werden wollen, aber die Bauhaus-Studentinnen wurden vorzugsweise in die Webabteilung geschickt. Hier entstanden Muster für die industrielle Produktion, Gebrauchstextilien und Bildgewebe. Die junge Frau fand rasch Gefallen am textilen Schaffen. Da der Unterricht nicht sehr fundiert und vor allem unsystematisch erfolgte, hatten die Schülerinnen grossen Freiraum für Experimente und kamen oft auf unkonventionelle oder höchst innovative Lösungen. Ab 1931 leitete Anni vorübergehend die Bauhausweberei in Dessau.

Vicara Rug II, 1959, Inge Brouard Brown, nach einem Entwruf von Anni Albers, Vicara, Wolle, Baumwolle, 153 x 100 cm


Am Bauhaus lernte Anni den Künstler Josef Albers kennen, der hier ab 1923 den Vorkurs leitete und später Leiter bzw. stellvertretender Direktor war. Die beiden heirateten 1925. Kurz bevor die Nationalsozialisten das Bauhaus schlossen, emigrierte das Ehepaar Albers in die USA. Es war ans legendäre Mountain College in North Carolina berufen worden, das es dann mit seiner Lehrtätigkeit und Arbeit entscheidend mitprägte.
Anni Albers unterrichtete, experimentierte weiterhin mit neuen Materialien und entwickelte eigene Techniken. Die abstrakten Gebrauchstextilien und Bildgewebe sind radikal in der Form, vor allem die bildnerischen Werke haben eine sakrale Ausstrahlung. Die Gewebe entstanden oft im Zusammenhang mit Architektur.
Two, 1952, Leinen, Baumwolle und Rayon, 47 x 102,2 cm
Red and Blue Layers, 1954, Baumwolle, 61,6 x 37,8 cm
Six Prayers, 1965-66, Baumwolle, Leinen, Bast, Metallgarn, 186,1 x 297,2 cm
Camino Real, 1969, Siebdruck auf Papier, 59,7 x 55,9 cm
Gemeinsam mit ihrem Mann unternahm Anni zahlreiche Reisen nach Mexiko und sammelte Textilien und Objekte aus der präkolumbianischen Kultur. Davon inspiriert, transformierte sie die antike gestalterische Sprache in die moderne Zeit.
In ihren letzten Jahren beschäftigte sich die Künstlerin mit Drucktechniken. Auch da zeigte sich ihre Experimentierfreude und das textile Denken.
Anni Albers starb am 9. Mai 1994 in Connecticut.

Anni Albers und Alexander Reed: Kette, um 1940, Abflusssieb,Büroklammern, Kette, 50,8 x 10,8 cm

Wie einzigartig und wichtig für ihre Nachwelt Anni Albers war, zeigt nach den Ausstellungen in Düsseldorf und London auch dieses Buch. Die wunderbaren Abbildungen geben einen umfassenden Querschnitt durch das Werk: Bildgewebe, Auftragswerke, Entwürfe, Druckgrafiken und Schmuckdesign – davon viele Detailaufnahmen, die das Textile beinahe haptisch vermitteln. So macht das Buch die hohe Qualität dieser Kunst deutlich und zeigt, wie vielseitig, sensibel und kompetent Anni Albers mit Materialien, Farben und Formen umging. Dreizehn fundierte Texte beleuchten Leben und Arbeit der Künstlerin und ihren Umgang mit dem Faden. Im Fokus stehen zum Beispiel die Werkstätten des Bauhauses, das Black Mountain College, Anni Albers’ Druckgrafik, ihr Einfluss auf die Kunst, die Sammlungen des Ehepaar Albers von Artefakten aus dem Andenraum. Auch heute haben uns die Werke der Künstlerin viel zu sagen, und es lohnt sich, ihren Umgang mit Form und Farbe immer wieder zu studieren.

www.hirmerverlag.de
www-kunstsammlung.de
www.tate.org.uk