Freitag, 19. Februar 2016

Sticken früher und heute

von Judith Mundwiler 

Im heutigen Blogbeitrag und auch in demjenigen von übernächster Woche möchte ich den Fokus auf das Thema "Sticken" richten.
Ich bin vor drei Tagen durch Vaduz, Lichtenstein, geschlendert und entdeckte vor dem Kunstmuseum ein Plakat mit einem Ausschnitt aus diesem Werk:

Ferdinand Nigg, "Der König aus der Georgslegende", undatiert, Privatbesitz

Dieses Plakat hat mich natürlich gleich zum Museumseingang gezogen. Aber leider musste ich feststellen, dass die Ausstellung "Ferdinand Nigg, gestickte Moderne" leider schon vorüber ist!
Der Link zur Ausstellung im Kunsthaus: hier
Und hier können Sie virtuell in die vergangene Ausstellung reinschauen.
Ich habe aber gleich meine Recherchen angestellt über diesen Liechtensteiner Künstler. Wie erstaunt war ich, dass er viele Werke nicht gemalt, sondern gestickt hat!

Ferdinand Nigg gehört zu den Künstlern, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Stickerei als künstlerisches Medium entdeckten und für die Umsetzung moderner Gestaltungsprinzipien fruchtbar machten.


Ferdinand Ning lebte von 1865 bis 1949 

Text zur Ausstellung von der Webseite des Kunstmuseums Vaduz:

Die reduzierte und abstrahierte Formensprache, mit der Nigg auch eine ausdrucksreiche Gestik und Mimik zur Darstellung bringt, ist ein grosses Faszinosum seines Werks.

Ferdinand Nigg, 1865 in Vaduz geboren, war Maler, Grafiker, Textildesigner, Buchgestalter und Typograf. Nach seiner Ausbildung in Zürich und einer Zeit freien künstlerischen Schaffens in Berlin wurde er 1903 als Professor für Buchgewerbe und Textil an die fortschrittliche Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg berufen. Hier, in der Hochblüte seines öffentlichen Schaffens, wirkte er im Vorfeld des Deutschen Werkbundes als Gestalter an der Schnittstelle von Künstlerentwurf und industrieller Produktion. 1912 folgte er dem Ruf an die Kunstgewerbeschule in Köln und wurde dort erster Inhaber des Lehrstuhls für Paramentik (Textilien im kirchlichen Bereich). Nach seiner Pensionierung im Jahre 1931 kehrte Nigg nach Liechtenstein zurück, wo sein Spätwerk entstand.

Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet Nigg anlässlich seines 150. Geburtstags eine grosse Überblicksschau, die in enger Zusammenarbeit mit der Prof. Ferdinand Nigg-Stiftung und der Kanonikus Anton Frommelt-Stiftung realisiert wird. Die Ausstellung hebt eine Facette von Niggs Schaffen hervor, welche ihn nicht nur als Professor und als Entwerfer christlicher Stickkompositionen ausweist, sondern im Wesentlichen als autarken Künstler. Denn parallel zu seiner Lehrtätigkeit schuf Nigg grossteils im Verborgenen ein zeichnerisches und gesticktes Werk. Es ist durchdrungen von einer profunden Kenntnis der Stickkunst und zugleich geprägt von der frühen Abstraktion. Auf dem Kreuzstich als einer minimalistischen Grundstruktur aufbauend, fand Nigg zu einem aussergewöhnlichen Zusammenspiel von Figuration und Abstraktion, das sich zunehmend in biblischen Bildmotiven äusserte. Dabei sind die vielfältigen Kunstrichtungen, die sich in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts entwickelten – sei es der Expressionismus, der Kubismus oder etwa der Konstruktivismus – im Schaffen des Liechtensteiner Künstlers spürbar. Gleichwohl ist sein Werk keinem dieser Stile zuzuordnen, vielmehr überrascht es in seiner eigenständigen Form.


Jagd I

Text zu "Jagd I" von Christine Meyer-Stoll

Jagd I ist mit seiner monochromen, eierschalenfarbenen und nicht fl.chenfüllenden Stickerei,
die den geringfügig dunkleren Stickgrund, das Stramin, samt Vorzeichnung immer wieder
durchschimmern lässt, ein eindrückliches Beispiel für das ineinandergreifende Zusammenspiel
von Figuration und Abstraktion in Ferdinand Niggs gesticktem Werk. Auf dem Kreuzstich
als einer minimalistischen Grundstruktur aufbauend weist Jagd I, wie Rüdiger Joppien es
formuliert, «eine starke Verschränkung und Überkreuzung von rechteckigen, quadratischen
und dreieckigen Flächen und Teilflächen auf.» Dabei ist der Einsatz des Kreuzstichs in diesen
verschachtelten Flächenelementen besonders meisterlich: halbe und ganze Kreuzstiche fügen
sich zu vielgestaltigen, teils flirrenden Mustern. In diesem abstrakt-ornamentalen Gefüge
lassen sich fünf rennende und springende Hunde, die ein Reh umkreisen, erkennen. Mittig
in der unteren Hälfte ist mit langen Läufen das Reh auszumachen, zu dessen Seiten und
oberhalb die Hunde sich in verschiedene Richtungen bewegen. Markant ist, auch wenn das
links unten befindliche Monogramm FN die Ausrichtung des fast quadratischen Bildteppichs
vorgibt, dass sich die Komposition zu allen Seiten hin orientiert. Dieses von mehreren Seiten
zu Betrachtende zeugt von Niggs eingehender Kenntnis der Tradition des Rapports und
des Ornaments, so bergen etwa das Kreuz und das Quadrat die vier Himmelsrichtungen
in sich. Die Mehransichtigkeit sowie das Changieren zwischen Abstraktion und Figuration
als einem sich bedingenden Gegensatzpaar unterstreichen das der gesamten Komposition
innewohnende Bewegungsmoment. So markiert diese rotierend anmutende Bewegung
einen ewigen Kreislauf – gleichsam ein Kontinuum.
Nigg war Maler, Grafiker, Textildesigner, Buchgestalter und Typograf. Parallel zu seiner
Lehrtätigkeit an den Kunstgewerbe- und Handwerkerschulen in Magdeburg und später
Köln schuf Nigg grossteils im Verborgenen ein umfangreiches, überwiegend nicht datiertes,
zeichnerisches und gesticktes Werk. Nach seiner Pensionierung 1931 kehrte Ferdinand Nigg
nach Liechtenstein zurück, wo bis zu seinem Tod im Jahr 1949 sein Spätwerk entstand.
Christiane Meyer-Stoll


Wenn Sie mehr zu diesem Künstler sehen wollen, geben sie bei Google seinen Namen ein und klicken auf "Bilder". Da gibt es einiges mehr zu entdecken !
Oder auf diesem Blog hier.


Zum Thema Sticken habe ich Ihnen hier noch einen Gastbeitrag von Claudia Jäggi. Sie  hat die Gilde für Schweizer Handstickerinnen gegründet und schreibt  im Moment ein Projekt zum mitmachen aus.
Das Bild vom Wordless Wednesday ist von Claudia Jäggi und heisst "your anger is growing".






Liebe Textilschaffende
Judith Mundwiler hat mir angeboten, einen Gastbeitrag im Tafch-Blog zu schreiben, was ich hiermit gerne tue.
Ich bin Primarlehrerin und Textilkünstlerin mit Schwerpunkt Handstickerei und wohne in Winterthur.

In den sozialen Medien findet ihr mich
auf instagram: https://www.instagram.com/weissfeder,
auf facebook: https://www.facebook.com/weissfederembroideryart
und natürlich auf meiner Webseite: http://www.weissfeder.ch.

Es ist mir ein Anliegen, die Handstickerei in der Schweiz wieder mehr in den Fokus des Interesses zu rücken. Vor nicht allzu langer Zeit war Schweizer Handstickerei nämlich (zu Recht) bekannt und gewürdigt – man denke zum Beispiel an die Trachtenstickerei, die Bündner Kammtaschen, die Appenzeller Weissstickerei etc. etc. …

Zu diesem Zweck und auch um Gleichgesinnte (bzw. „Gleichschaffende“) kennenzulernen, habe ich letztes Jahr die Gilde der Schweizer Handsticker/innen gegründet: https://www.facebook.com/groups/423969794436206. Es ist eine öffentliche Facebook-Gruppe, alle Interessierten dürfen gerne beitreten!

Die Gilde führt dieses Jahr nun ein Projekt durch, welches ich euch gerne vorstellen möchte. Es ist ein Postkunst-Projekt (mail art) und richtet sich an alle Textilschaffenden, national und international. Bis Ende August 2016 senden teilnehmende Textilkünstler/innen ihre Postkunst an meine Adresse, und ich werde sie fotografieren und fortlaufend in eine online Gallerie stellen. Ausserdem organisiert die Gilde im Herbst dieses Jahres eine Postkunst-Ausstellung in einer pop-up Galerie in Winterthur, wo die Werke auch gekauft werden können.

Wenn ihr Lust habt mitzumachen, dann geht doch mal auf die Seite: https://inbetweendazwischen.wordpress.com/about, dort findet ihr die detaillierten Teilnahmebedingungen. Die Seite ist in Englisch, weil ein internationales Publikum erreicht werden soll.

Für Deutschsprechende fasse ich die Teilnahmebedingungen hier zusammen:

Kreiere ein bis maximal drei textile Postkarten, je exakt 10 x 15 cm, und schicke sie bis 31. August 2016 an: weissfeder, „in between / dazwischen“, Sonnenbühlstrasse 30, 8405 Winterthur.
Auf der Rückseite der Postkarten vermerkst du Titel und Datum des Werkes, deinen Namen, eine gültige Email-Adresse sowie deine Webseite oder andere Angaben.
Das künstlerische Thema der Aktion heisst „dazwischen“; kreiere also zu diesem Thema dein textiles Werk.
Es sind alle textilen Techniken zugelassen (z.B. Patchwork, Häkeln, Stricken, Sticken, Stoffcollage, Klöppeln, Nähen…).
Die Teilnahme steht allen Personen allen Alters und auf allen Fertigkeitsniveaus offen.
Die Postkarten werden online ausgestellt und im Herbst an einer Ausstellung gezeigt. Dort werden sie auch zum Einheitspreis von CHF 35.- verkauft (5.- für die Organisation, 30.- für den/die Künstler/in).
Die Werke werden NICHT retourniert.
Die Gilde übernimmt Sorgfaltspflicht, aber haftet NICHT für Verlust, Diebstahl oder Beschädigung der Werke.

Die Gilde freut sich sehr über ganz viele Teilnehmer/innen!
Herzlich
Eure Claudia Jäggi

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für die Vorstellung dieses besonderen Künstlers. Stickende Männer sind in meiner Wahrnehmung eher selten. Und dann im Verborgenen solch ein großes Werk zu schaffen ist schon eine Leistung.
    Und auch der Wettbewerb von Claudia Jäggi ist ein sehr interessantes Projekt. Ich wünsche ihr viele Zuschriften, damit das Sticken wieder ein größeres Interesse findet. Mir macht es so viel Spaß!!! Herzliche Grüße Anette

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  2. Liebe Judith,

    diesen Herrn hatte ich auch vor gar nicht so langer Zeit entdeckt. Das ist doch sehr interessant.

    Das bringt mich wieder auf das Thema der textil werkenden Männer. In meinem Studium hatten wir auch drei oder vier davon, die nicht nur der Hahn im Korb sondern auch von den Dozentinnen sehr bevorzugt behandelt wurden. Und wenn man sich heute so in unserem Bereich umschaut, hat sich da nicht so viel geändert... oder doch? Ich erinnere mich übrigens auch daran, dass bei uns hier im Ruhrgebiet - und vielleicht nicht nur da - häufig Männer als Ausgleich zur schweren Arbeit in der Industrie Gobelinbilder gestickt haben. Allerdings handelte es sich da immer um die Arbeit nach Vorlagen.

    liebe Grüße auch an Dich, Anette Gabi

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  3. Liebe Gabi, liebe Anette
    Ich hatte in meiner 35-jährigen Tätigkeit als Erwachsenenbildnerin erst etwa 6 Männer in meinen Kursen und Workshops! Und wenn dann mal ein männliches Wesen auf der Teilnehmerliste war, dann war das schon fast immer eine kleine Sensation....
    Aber ich beobachte mich selbst, dass ich anders hingucke, wenn eine Frau im Sommer in einem Männerteam beim Stassenbau Teer auf den Belag schippt, oder ich mache grosse Augen, wenn eine Nachbarin (ist erst vor 2 Wochen passiert) mir erzählt, dass sie jahrelang geboxt hat....
    Und erst kürzlich habe ich alte Fotos ausgegraben, wo mein Bruder als 18-jähriger junger Mann für seine damalige Freundin einen Pullover gestrickt hat, aus selbstgesponnener Wolle, wohlverstanden....Ich denke, auch heute trifft man das wieder mehr an...siehe nur der Hype um die "MY Boshi"-Mützen....das ist ein Label von zwei strickenden Männern gegründet...
    Heute lernen ja die Jungs in der Schule auch die selben textilen Techniken, wie die Mädchen. Das hatte den Ursprung zu der Zeit, als ich zu unterrichten begann in den 1980-er Jahren....und heute wird leider immer mehr von der Stundentafel des Textilen Werkens in der Schue abgebaut.....aber das ist ein anderes Thema...
    Liebe Grüsse
    Judith

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  4. Ihr Lieben, leider sind wir von der Gleichberechtigung (in beiden Richtungen) scheinbar noch entfernt. Was mich aber hoffnungsfroh macht, ist, dass meine Freundin im Textilunterricht schon viele Jungs mit großer Begeisterung hat nähen lassen. Einer war gar nicht zu bremsen und hat schon eine eigene Nähmaschine bekommen. Da wächst vielleicht doch eine neue Generation heran? Hoffen wir es mal, oder? Liebe Grüße Anette

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