Freitag, 28. August 2015

Alles fängt irgendwo an






Von Yvonne Habbe

Vor beinahe fünfzehn Jahren machte ich eine Reise in die wirklich grossen Wälder, die Taiga des südlichen Sibiriens. Während eines ganzen Sommermonats besuchten wir Dörfer und Menschen in diesen weiten Landschaften. Mein tiefstes Interesse galt damals wie auch jetzt dem traditionellen Handwerk. Wir kamen in Kontakt mit vielen talentierten Künstlern, die mit verschiedenen Materialien arbeiteten. Ich unternahm diese Reise bevor ich die Kunst des Filzens erlernt hatte, mein heutiger Beruf. Ich erinnere mich jedoch, dass wir in einem abgelegenen Dorf in der Taiga einen Mann kennenlernten, der seine eigene Filzmaschine gebaut hatte um Filzstiefel herzustellen. Ich erinnere mich an dieses Detail als eines von vielen wunderbaren Dingen, auf die wir stiessen.

Landschaft in den Sayan Bergen


Während wir einige Tage damit verbrachten, in den Sayan Mountains in der Republik Tuva zu wandern, trafen wir auf Menschen, die als Nomaden in Yurten lebten, und sie luden uns in ihre Zelte ein.

Die offene Türe lädt ein zum Eintreten, sich setzen und Tee trinken
Ich hatte Gelegenheit, in einer Yurte zu übernachten und erfuhr, wie es ist, in einem runden Raum mit Filzwänden einzuschlafen, Wände aus Filz, einem Material, das jedes Geräusch von aussen dämpft. Es war ein Gefühl wie am Anfang des Lebens, im Mutterleib. Es war ein sicherer Ort, ein unberührter Raum. Ich glaube gerne, dass diese Erfahrung es war, die den Samen pflanzte für meine spätere Begeisterung für Wolle und Filz.
Ich wusste nicht, dass die Gegend in Sibirien, durch welche wir reisten, historisch besonders interessant ist vom Gesichtspunkt eines Filzers, Westlich der Gegend um Berg Sayan befinden sich die Altai Mountains und Pazyryk, der Ort, wo in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts scythische  Gräber aus der Zeit von etwa 400 vor Christus entdeckt wurden. Dort wurden die am Besten erhaltenen Filzobjekte aus jener Zeit gefunden, Diese Objekte sind jetzt im State Hermitage Museum in St.Petersburg ausgestellt.

Das State Hermitage Museum in St. Petersburg
Seit zehn Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Filzlehrerin und von meinen eigenen Kunstwerken, die ich ausstelle. Oft sind mir dabei Fotos der Funde in Pazyryk begegnet und ebenso oft habe ich gewünscht, sie in Wirklichkeit sehen zu können. Glückliche Umstände machten im Februar 2015 eine Reise nach St. Petersburg möglich. Wir reisten per Schiff von Gotland nach Stockholm and Helsinki und dann mit dem Zug über die russische Grenze nach St. Petersburg. Die Woche in St. Petersburg war erfüllt von interessanten und fruchtbaren Zusammenkünften mit russischen Filzern. Und der Höhepunkt war natürlich, die herrschaftlichen Hallen des State Hermitage Museums zu betreten, eines der grössten Museen der Welt. Trotz eines Lageplans des Palastes hatten wir Mühe, die Funde von Pazyryk ohne die Hilfe des Museumspersonals zu finden. Als ich dann endlich den Raum betrat, wo die Objekte ausgestellt sind, war ich so bewegt, dass ich ihn kaum mehr verlassen konnte. Die Funde aus dem Grab genannt Barrow No. 5 stechen besonders hervor und die Objekte daraus füllen einen ganzen Raum.

Die Halle mit den Funden von Pazyryk Barrow 5
Neben dem Toten befindet sich darin eine ganze Pferdekutsche. Unter den Objekten hat es Teppiche, Pferdedecken, Kleider, Masken, Kopfbedeckungen, Ornamente usw.



Einer der eindrücklichsten Funde ist ein Filzteppich von der Grösse 640x450 cm mit gemusterten Applikationen, bestehend aus eine wiederholten Darstellung von zwei Figuren, einer auf einem Pferd, der anderen auf einem Thron.

Detail aus dem Teppich
Wenn Sie neugierig geworden sind auf die Ausstellung im State Hermitage Museum in St. Petersburg, können Sie den Museumskatalog auf der Website des Museums konsultieren, wo ein kleiner Teil der Objekte zu sehen ist. Der folgende Link führt zu einigen Filzobjekten von Pazyryk:

https://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/searchresults?lng=sv&p0=relevance!desc&p1=pazyryk&p2=&p3=&p4=&p5=felt&p6=&p7=&p8=&p9=&p10=&p11=&p12=ad&p13=&p14=ad&p15=1

Ich denke oft, dass durchs Filzen das Gefühl in meinen Fingerspitzen weiterentwickelt wurde. Das geht manchmal so weit, dass es mir bewusst wird, wie unterschiedlich sich die  Materialien und Oberflächen im täglichen Leben mittels meiner Fingerspitzen anfühlen. Im State Hermitage Museum war ich plötzlich so nahe an den Objekten, dass ich trotz der trennenden Glaswand des Schaukastens das Material auf meiner Haut und meinen Fingerspitzen visualisieren konnte und mich auf diese Weise  den Menschen, welche diese Objekte vor beinahe 2500 Jahren geschaffen hatten, nahe fühlte. Die richtige Wahl von Material und Technik war damals ganz offensichtlich von genauso grösster Wichtigkeit für talentierte Künstler wie sie es jetzt ist. 



Das Objekt, das mich am meisten bewegte, ist eine Filzjacke aus einem der Gräber. Der Zahn der Zeit hat die Jacke sehr zerbrechlich gemacht, und es  ist schwierig, sie zu konservieren. Trotzdem ist es einfach, sich die Person vorzustellen, die das Gewand getragen hat oder noch besser, die Person, welche die Wolle gesammelt, sie gefilzt, daraus eine Jacke hergestellt und sie schliesslich zum ersten Mal anprobiert hat.
Unter den Filzgegenständen aus Pazyryk befinden sich sowohl flache, gewobene Teppiche mit Mustern als auch skulpturähnliche Objekte wie Masken und dekorative Schwäne, zusammengenäht aus gefilztem Material. Die Funde zeigen, dass die Menschen bereits vor 2500 Jahren die Vorteile und Möglichkeiten, welche Wolle und das Filzen als Technik bieten, diese sahen und zu nutzen wussten.
Über die Jahre hinweg entdecken wir wieder, was vergessen gegangen ist und entwickeln weiter, was wir lernen. Dank der Erinnerung an die Nacht in der Yurte in der sibirischen Einsamkeit liess ich mich später leicht furs Filzen begeistern, als ich mit der Technik in Kontakt kam. Ich lernte sie von Grund auf und erkundete dann von mir aus Fasern und Materialien, kreierte meine persönliche künstlerische Ausdrucksweise. Ich arbeite am Liebsten mit Bildern und Skulpturen, aber gelegentlich auch mit Kleidung und anderen Gebrauchsgegenständen.

Cap and collar Knobbel, 2004
Sculpture The seed where it all began 2005 
Ich denke gerne zurück an die Nacht in der Yurte, die mich veranlasste, ein paar Jahre später Wolle und Filztechnik für mein Lebenswerk zu wählen, die keimende Saat, die durch die richtigen Umstände zum Leben erweckt wurde. 

Carpet "Blue leef" 2009

Skulptures "Habbeseeds" 2011

Objekts ”Longbags, 2013

Picture Mending life, 2014
Picture Greengrowing plans - felt and landscape; vegetable boxes, 2015

Ich möchte noch von einer anderen Erinnerung von Sibirien erzählen. Sie handelt vom Yenisei River, wo wir an einem heissen Tag durch die Wälder streiften. Plötzlich war der Boden unter den Bäumen vollkommen bedeckt von blühenden wilden Pfingstrosen. Ich pflückte einige der reifen Samen und bewahrte sie sorgsam in meiner Tasche auf. Als ich nach Hause kam, pflanzte ich diese Samen und sie begannen zu wachsen.


 Über die Jahre hinweg wuchsen die Pflanzen, und dieses Jahr sah ich zum ersten Mal eine Knospe.



Endlich, nachdem ich 13 Jahre darauf gewartet hatte, konnte ich die Pfingstrosen blühen sehen!



Yvonne Habbe lebt auf Gotland, Schweden. Ich lernte sie im Ramen meiner eigenen Kurstätigkeit kennen. Sie gewährte mir grosszügige Gastfreundschaft, führte mich auf der Insel herum und ging mit mir auf Fossilien Suche.
Sie kommt in diesem Herbst in die Schweiz und gibt zwei Kurse im Kurszentrum Ballenberg. Darauf freue ich mich sehr.
Kurs 1 Montag 28.9. - Mittwoch 30.9. "Samenschoten"
Kurs 2 Freitag  2.10. - Sonntag  4.10. "Textile Bilder" (ausgebucht)

Ursula Suter











Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für diese schöne Geschichte und den interessanten Lebenslauf. Erst im nachhinein scheinen wir festzustellen, was uns auf den einen oder anderen Pfad gebracht hat. Im Erleben sind es wohl noch zuviel Eindrücke, um sie so genau sortieren zu könne. Eine tolle Künstlerin mit ebenso ausdrucksstarken Objekten. Filzen muss etwas wirklich Besonderes sein. Herzliche Grüße Anette

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    1. Thanks for your comment!
      Yes, afterward a winding path can look very straight...

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