von Grietje van der Veen
Zu Scherenschnitten habe ich ein besonderes Verhältnis, einerseits, weil meine Tochter sich lange damit beschäftigt hat und andererseits, weil ich im Zuge meiner Ausbildung für die Quilt Judging Course das Thema Papier als Studienobjekt für das erste Modul gewählt habe. Der Fokus in diesem Modul lag auf die künstlerische Beschäftigung mit Scherenschnitten weltweit.
Von meiner TochterAstrid Andrey, Moon over Utah, Postkarte |
In der Schweiz war der Höhepunkt Mitte des 19. Jhts. Johann Jakob Hauswirth (1809-1871) hatte wohl den grössten Einfluss auf die kommenden Generationen. Scherenschnitte im Stil von Hauswirth sind dekorativ und zeigen bevorzugt Pflanzen und Tiere. In der Schweiz sind besonders die Alpaufzüge sehr beliebt, vor allem bei Touristen.
Zurzeit wird eine Ausstellung im Landesmuseum, Zürich, gezeigt mit Werken von Mitgliedern des „Schweizerischen Verein Freunde des Scherenschnitts“. Sie ist das Resultat eines vom Verein ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Mitglieder waren eingeladen, "sich von historischen Werken der Schnittkunst inspirieren zu lassen und diese künstlerisch zu erweitern" (Zitat Katalog). Die vorgegebenen Werke aus früheren Jahrhunderten bilden jeweils das Zentrum einer eigenständigen Gruppe von Scherenschnitten die von der Vorlage inspiriert wurden, sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog.
Eingereicht wurden 197 Bilder von 79 KünstlerInnen. Angenommen wurden 105 Bilder von 65 KünstlerInnen. Der älteste Scherenschneider ist 89, die jüngste 26 Jahre alt. Davon können wir Quilterinnen nur träumen. Auch sind viele Männer in der Ausstellung vertreten.
Es ist nicht gestattet, in der Ausstellung zu fotografieren, also habe ich die Bilder aus dem Katalog kopiert. Da auf jeder 21x21cm Seite zwei bis drei Werke abgebildet sind, lässt die Qualität meiner Kopien sehr zu wünschen übrig. Schade, denn die Scherenschnitte leben von den Details. Ich konzentriere mich hier hauptsächlich auf moderne Interpretationen der vorgegebenen Themen. Ich zeige Ihnen bei jedem Thema zuerst die Vorlage.
Thema 1: Heiliger Ludovicus, ein Heiligenbild in dessen Zentrum ein Medaillon platziert ist.
Ein Heiligenbild aus einem Kloster im Kanton Freiburg, 36,5 x 31 cm, 18. Jht |
Thema 2: Die Brücke
Jean Huber, 11 x 13,5 cm, 18. Jht |
Ines Badertscher, Skywalk in Singapur, 30 x 20 cm |
Thema 3: Herde unter Bäumen
Dies war ein sehr beliebtes Thema bei den Scherenschneidern im 18.-19. Jahrhundert.
Die Vorlage ist von Antoinette Lisette Fäsi, Herde unter Bäumen, 44 x 26 cm. 1801, Sammlung Restaurant Hüsy, Blankenburg |
Sehr gefallen haben mir die Schaf- und Ziegenherden von Monika Flütsch. Es war offensichtlich nicht Bedingung alle Elemente der Vorlage zu verwenden. Sie verzichtet auf die Bäume. Tiefenwirkung ist sonst nicht unbedingt ein integriertes Moment in Schweizer Scherenschnitten
Monika Flütsch, Schafherde und Ziegenherde, je 44 x 43 cm |
Thema 4: Vogelpaare
Anonym, Vogelpaar, 11,5 x 16 cm, ca. 1800. Das Bild wurde nach dem Schneiden mit Aquarellfarbe koloriert. |
Werner Gunterswiler, Die Kröte und Die Fliege, je 37 x 32 cm, beide in ihrer Hässlichkeit unschlagbar schön und detailgetreu. |
Schön sind diese Vogelpaare:
Marlys Rohr, Vogelpaare im Flug, 100 x 30 cm |
Überhaupt wird auffallend viel mit Glas und Spiegeln gearbeitet. Viele Werke hängen ein wenig von der Wand entfernt. So entsteht eine faszinierende Schattenwirkung.
Thema 5. Apotheke
Die Vorlage ist eine typische Silhouettenarbeit
Anonym, Apotheke des Chorherren Joh. Heinr. Zum Löwenstein, 27,4 x 44,3 cm, um 1790-1800
Auch dieses Thema fand wenig Anklang. Das Bild regte zwar zu moderneren Versionen einer Apotheke (Medikamente findet man auch im Supermarkt), muten trotzdem sehr traditionell an.
Brigitte Rutz, Apotheke 15 x 34 cm. |
Thema 6: Liebesbrief
Anonym, Liebebezeugung der Elisabeth Wild von Stäfa, Durchmesser 22 cm, 1810 |
Renate Weber, Romantic Variations I und II. je 35 x 34 cm |
Chrystyna Diethelm, Brief an alle, Durchmesser 25 cm |
Thema 7, Die Josephsgeschichte. Hier gibt es nur 2 Einreichungen, die mich nicht wirklich überzeugen. Also zeige ich von diesem Thema keine Bilder.
Gruppe 8: Garten
Anonym, Garten, 23,5 x 15 cm, um 1900 |
Folgendes zauberhafte Bild wirkt wie eine Fotografie:
Katharine Cuthbertson, Himmelsblume, 32 x 28 cm |
Ruth Bühlmann, Wilder Garten, 3 Bilder, je 15 x 15 cm, in einem Rahmen, zuerst geschnitten und dann entfärbt. Wunderschön. |
Gruppe 8: Alpaufzug
Johann Jakob Hauswirth, Alpaufzug, 29 x 41,5 cm, 1858 |
Angela Christen, Kopfschmuck, 38 x 38 cm |
Kritisch setzt sich diese Kartensammlung mit dem Alpaufzug als kommerzielles Element auseinander:
Irene Karpiczenko, Kommerz II (links, )61 x 53 cm, Swiss Souvenir Shop (rechts), 30 x 39 cm |
Thema 9: Blumenstrauss
Louis David Saugy, Blumenstrauss, 28,5 x 40,5 cm, 1946 |
Aus dem Rahmen fällt in dieser Gruppe folgendes Werk.
Estrellita Fauqueux, Blumenbouquet, Beide Paneele zusammen 230 x 200 cm |
Mein Gesamteindruck der Ausstellung: wunderschöne und handwerklich perfekt geschnittene Bilder. Aber ohne Ecken und Kanten. Liegt das am Konzept? Naturthemen, Heiligenbilder und Alpaufzug als vorgegebene Motive regen nicht gerade zu einer kritischen Auseinandersetzung an. Kritik kommt eher brav daher. Seit der 6. Schweizerischen Scherenschnitt-Ausstellung, die ich 2006 im Landesmuseum Châteaude Prangins gesehen habe, hat sich nicht viel getan.
Vielleicht sollte man die Künstler wieder einfach machen lassen und sie nicht in ein Konzept zwängen.
Möchten Sie alle Bilder der Ausstellung sehen, dann besuchen Sie die Website des Vereins. Klicken Sie HIER . Unter „Aktuell“ finden Sie eine Galerie sämtlicher Werke, die über den Verein zum Verkauf stehen. Viele sind schon verkauft. Auch davon können wir QuilterInnen nur träumen.
unglaublich was alles mit sehr viiiiiiel Fingerspitzengefühl gemacht werden kann... faszinierend
AntwortenLöschenDanke für diesen ausführlichen Bericht! Für mich tun sich da ganz neue, faszinierende Welten auf, ich hätte nicht gedacht, dass diese Kunst noch viele Menschen beherrschen.
AntwortenLöschenTrès intéressant, bravo!!
AntwortenLöschenVielen Dank für den Ausflug in eine Welt, von der ich nicht wusste, dass sie so vielfältig iat. Das sind ja ganz interessante Kunstwerke!!! Unglaublich, was man mit Schere bzw Cutter und Papier alles anstellen kann. Und dass es noch solch einen Zulauf gibt, hätte ich nicht erwartet. Ja, das ist bei uns Quiltern wirklich anders. Da hast du ein wenig meine Scheuklappen gelüftet! Herzliche Grüße Anette
AntwortenLöschenLiebe Alle,
AntwortenLöschenes freut mich, dass der Artikel so gut angekommen ist. Es geht den Scherenschnitten wie den Quilts. Es gibt eine grosse Scene mit sehr vielen Mitgliedern. Aber Aussenstehende wissen kaum etwas davon. Etwas, was mich immer wieder wundert.
Liebe Grüsse
liebe grietje
AntwortenLöschendas ist wirklich ein sehr interessanter beitrag! die welt vom scherenschnitt kannte ich vorher auch nur von den eher volkstümlichen motiven. die werke mit denn gräsern, die du vorstellst, finde ich ganz besonders faszinierend. und die idee vom entfärben des papiers gibt eine supertolle wirkung! wenn ich mal bei dir bin, muss ich den katalog der ausstellung unbedingt genauer anschauen!
liebe grüsse
judith