Freitag, 15. Juli 2016

Artist Statement versus Biografie

von Grietje van der Veen

Geht es Ihnen auch so? Man hat nach langem Kämpfen endlich ein Werk fertig gestellt, das man an einen Wettbewerb anzumelden gedenkt - und jetzt kommt der Papierkram.

Ich habe die schlechte Angewohnheit, immer auf den letzten Drucker zu arbeiten. Es gibt ja auch sonst so viel zu tun… Es ist der letzte Tag vor Anmeldeschluss, also husch-husch das Formular ausfüllen und dann ab die Post. Denkste! Spätestens beim «Artist Statement» kommt die Verzweiflung hoch. Gerade jetzt, wenn ich gestresst bin, mein Kopf leer, und noch einiges zu erledigen ist, sollte ich etwas Gescheites über mein Werk sagen. Dabei weiss ich längst, dass das auf mich zukommt, und hätte schon während der Arbeit gute Sätze formulieren können. Ich weiss ja um meine Inspiration, meine Beweggründe. Nur: im letzten Moment kommt mir nichts in den Sinn, schon gar nicht, wenn die Zahl der gestatteten Worte beschränkt ist. Meine Artist Statements sind wirklich nicht der grösste Hit. Das soll jetzt aber besser werden ….

Die nachfolgenden Ausführungen sind für diejenigen als Orientierung gemeint, die sich für Teximus 2 anmelden möchten und sich unsicher fühlen beim Formulieren des Artist Stements..

Ich habe mich im Internet nach guten Beispielen von Artist Statements und Biografien umgesehen. Was unterscheidet ein Artist Statement von einer Biographie? Es tummeln sich viele Ratgeber im Internet. Ich habe mal das zusammengefasst, worin sich die meisten einig sind.

Ein Artist Statement erzählt etwas über meine Kunst und nichts über mich selber, z.B.
- Was sind meine Motivation und Inspiration
- Was möchte ich mit meiner Kunst vermitteln
- Meine Philosophie, meine Techniken
- Der Beitrag sollte immer kurz sein. Ein paar Sätze reichen
- Und immer in der ersten Person, also «ich» und «mein»

Aus meiner Biografie möchten die Leser hauptsächlich erfahren, was ich unternommen habe, um als Künstlerin dahin zu kommen und wo ich jetzt bin. Im Allgemeinen interessieren sie sich nicht dafür, wie ich meine Jugend verbrachte, was mein Vater beruflich machte oder wie viele Geschwister ich habe. Wichtig ist zu wissen, wie ich mich als Künstlerin darstellen will. Eine Biografie ist nicht so persönlich wie ein Artist Statement, es werden ja nur Fakten vermittelt. Was man in einer Künstlerbiografie schreibt und wie man sie gestaltet, darin sind sich alle Experten einig:
- Immer in der dritten Person schreiben, also den Namen angeben und mit «er» oder «sie» weiterfahren
- Woher er/sie kommt
- Wo er/sie zurzeit wohnt
- Was sein/ihr Medium ist
- Sein/Ihr Hintergrund (Werdegang in der gewählten Kunstrichtung, wie z.B. Ausbildung/Kurse)
- Was er/sie zurzeit tut
- Teilnahme an Gruppenausstellungen oder Einzelausstellungen

Das kann man detailliert oder tabellarisch darstellen, wenn man sich bei einer Galerie bewirbt, oder kurz und knapp, wenn die Anzahl der Worte beschränkt ist, wie bei einem Wettbewerb. Im letzteren Fall muss man sich entscheiden, was weggelassen werden kann.

Keinesfalls sollte man Statement und Biografie vermischen oder gar verwechseln. Einmal habe ich als Jurorin erlebt, dass eine Bewerberin im Artist Statement ihren Namen angab und biografische Daten auflistete. Damit ist die Anonymität einer Jurierung endgültig dahin. Das muss nicht unbedingt schädlich sein, aber wenn ich die Bewerberin persönlich kenne, ist mir das nicht nur peinlich, sondern ich müsste als Jurorin in diesem Falle korrekterweise zurücktreten. Eine objektive Beurteilung ist dann sehr schwierig.

Allerdings bin ich im gleichen Dilemma, wenn ich innert einer Sekunde erkenne, wer sich beworben hat, auch wenn kein Name angegeben wird. Wie soll ich ein Werk beurteilen, das zwar wunderschön ist, aber in meinen Augen die gefühlte dreihundertste Version des ewig gleichen Motivs und der ewig gleichen Technik ist? Soll ich als erste Jurorin weltweit diese Arbeit ablehnen wegen fehlender Originalität? Oder nur Abstriche machen? Ich wünsche mir einfach mehr Mut zur Weiterentwicklung von manchen KünstlerInnen.

Damit Sie noch etwas zum Angucken haben, hier noch einige meiner Spielereien. Ich bestelle ungefähr alle zwei Jahre einige Ballen zerrissene Wäsche bei TexAid und verwende sie meistens als Übungsmaterial. Diesmal gab es eine Anzahl hauchdünne Unterröckchen. Das hat mich zum Spielen gereizt. Es hat fünf Röckchen, also reicht es für eine kleine Serie. Die Wäsche habe ich teilweise über Eiswürfeln gefärbt und sie mit grafisch gemusterten Stoffresten verbunden. Die Grösse ist einheitlich: 79 x 48 cm.
Eine dieser Arbeiten wurde gar von der Kuratorin der Ausstellung in St. Petersburg vom Oktober 2016 ausgewählt. Eigentlich müsste ich mein Artist Statement revidieren!

Frivolous

The First Time
Noch ohne Titel, weil noch nicht fertig

Kommentare:

  1. Liebe Grietje, da habe ich wieder etwas gelernt. Und diese Unterröcke sind ja eine geniale Idee. Jetzt habe ich auch noch TexAid kennengelernt. Dass man dort kaufen kann, war mir nicht klar. Also ein wirklich informativer und schöner Bericht. Vielen Lieben auch für die schönen Bilder! Herzliche Grüße Anette

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Anette, so nebenbei kann man immer noch einiges lernen, nichtwahr?
    Danke für deine Treue!!!

    AntwortenLöschen
  3. Purer Eigennutz! Ich will doch noch viel lernen!!!! Und ich denke, ich bin nicht die einzige, die euch so treu ist. Es schreiben leider nur nicht so viele einen Kommentar.Freu mich auf den nächsten Artikel. Liebe Grüße Anette

    AntwortenLöschen