Freitag, 12. Juni 2015

Madame Tricot

von Judith Mundwiler

Letzte Woche sass ich bei meiner Coiffeuse und blätterte mich durch die verschiedenen Illustrierten, die da immer aufliegen. Eine Tätigkeit, für die ich mir im Alltag sonst kaum Zeit nehme. Ab und zu entdecke ich da sogar durchaus Spannendes und Wissenswertes!
So bin ich auf einen Bericht über  "Madame Tricot" gestossen. Vor längerer Zeit habe ich sie zufällig in einer Talksendung im Schweizer Fernsehen schon gesehen und musste so schmunzeln über ihre gestrickten Esswaren. Diese sind einerseits sehr naturgetreu aber auch mit viel Witz und Ironie gestaltet.
Madame Tricot, mit richtigem Namen Dominique Kähler Schweizer, hat im Mai dieses Jahr den Förderpreis der Kulturstiftung von St. Gallen erhalten. Ich habe gelesen, dass sie die erste Kunsthandwerkerin sei, welche diesen Preis verliehen bekam.
Hier könnten wir nun diskutieren, wo Kunsthandwerk beginnt, und wo Kunst anfängt.

In Wikipedia können wir nachlesen:

Kunsthandwerk steht für jedes Handwerk, für dessen Ausübung künstlerische Fähigkeiten maßgebend und erforderlich sind. Die Produkte des Kunsthandwerks sind in eigenständiger handwerklicher Arbeit und nach eigenen Entwürfen gefertigte Unikate (Autorenprodukte).
Das Kunsthandwerk wird, wie das verwandte Kunstgewerbe, der angewandten Kunst zugeordnet. Es ist jedoch mit dem Kunstgewerbe, das Gebrauchsgegenstände auch in Serie, maschinell und nach fremden Entwürfen reproduziert erzeugt, nicht gleichzusetzen.
Unabhängig vom künstlerischen Qualitätsanspruch und der Fertigungsweise hat sich der Begriff „Kunsthandwerk“ als Sammelbegriff für sowohl kunsthandwerkliche als auch kunstgewerbliche Produkte aus aller Welt durchgesetzt.

Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist (Heilkunst, Kunst der freien Rede). Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Lassen sie sich doch mal durch die Welt der "Madame Tricot" führen und urteilen Sie selbst, ob Ihre Kreationen Kunst oder Kunsthandwerk sind.....

Das war das Titelbild von der Schweizer Familie, welches meine Neugier weckte.




Hier der Text aus dem Heft Nr. 22 der "Schweizer Familie" von Roland Falk über diese faszinierende Frau:

Quirlig, das Adjektiv passt. Einigermassen. Dominique Kähler Schweizer, 66, zählt zu den Menschen, denen ahnbar keine Beschreibung ausreichend gerecht wird. Sie ist ein Naturereignis, ein Ausbund von zündenden Ideen und unkonventionellen Absichten.
Eine Frau zudem, die sich in alles eingibt, als ginge es um ihr Leben. «Wenn ich etwas im Kopf habe, setze ich es mit voller Energie um», sagt die Kreative aus Wil SG, die ihr Tun gerne mit Klarsätzen wie «Kunst muss an- oder aufregen» unterlegt. Weitum bekannt ist die gebürtige Pariserin, die selbst nach über 40 Jahren in der Schweiz noch in charmant gebrochenem Deutsch parliert, als Madame Tricot, als eine, die fast unablässig strickt. Keine kommune Wärmware, sondern dreidimensionale Nachbildungen von Lebensmitteln wie Würsten und Schweinsköpfen, die sie mit frappant wirklichkeitsnahen Cremetorten und Obstarten zu Installationen fügt. «Ich lisme, also bin ich», sagt die Gewitzte, die jeden Augenschmaus zustande bringt. Stricken, sagt die Künstlerin, sei für sie «über alle Massen meditativ». Im Bus, im Flugzeug, überall nadelt sie, weckt Fragen bei Mitreisenden, erzählt Interessierten von witzigen Projekten, von Ausstellungen in zahlreichen Museen. Mehrmals schon wurden die Medien auf sie aufmerksam, die amerikanische «Vogue» etwa, von der sie unlängst nach New York eingeladen wurde, oder das Schweizer Fernsehen, das sie 2013 zu einem Auftritt bei «Aeschbacher» bat. Ausserdem wird sie im Buch «Cervelat» verewigt sein, das der Zürcher AS-Verlag am 1. August als Hommage an die Nationalwurst herausgibt. «Ich gehöre jetzt also wortwörtlich zur Cervelatprominenz.»
Kürzlich war die Umtriebige, der nichts so schnell die Sprache verschlägt, für Momente baff. Am 8. Mai nämlich wurde sie mit dem Förderpreis der Kulturstiftung von St.Gallen geehrt, 7500 Franken erhielt sie und «jede Menge Zuspruch bei einem opulenten Apéro mit Behördenvertretern». Das Geld ist bereits investiert, in eine Naursteinmauer im 6000 Quadratmeter grossen und verwunschen wirkenden Garten, der ihr mit Kunst und Kinkerlitzchen zum Bersten vollgestelltes Haus einfasst und in dem sie mitunter Bäume in Wollkunst hüllt. Geblieben aber ist die Freude darüber, «dass ich jetzt die einzige kantonal approbierte Strickkünstlerin bin», sagt die Preisträgerin, die im Brotberuf Ärztin mit Kenntnis der Naturheilkunde war und Psychiaterin. Was ebenfalls bleibt, ist ein Rätsel: «Ich habe bis jetzt nicht die blasseste Ahnung, wer mich für die Auszeichnung vorgeschlagen hat.» Stilsicher ist die Nadelvirtuosin, und das, meint sie, «liegt bestimmt in meinen Genen». Die Mutter war Modedesignerin und gab auf einem französischen TV-Sender «jeden Montag einen Schnittkurs», der Vater arbeitete als Modejournalist. Dominique selber studierte nebst der Medizin Kunstgeschichte an der renommierten Ecole du Louvre und wurde dort mit jedem Genre vertraut. «Vermutlich hätte ich auch Malerin werden können», sagt die Wache, die sich von allem, was ihr begegnet, inspirieren lässt und die jederzeit das Credo des einstigen deutschen Aktionskünstlers Joseph Beuys (1921–1986) unterschreiben würde: «Jeder ist ein Künstler.» Mandalas, indische Meditationsbilder, malte sie oft, damals, während der Studentenunruhen von 1968 in Paris, die sie nicht mitbekam, weil ihr Vater sie aufs Land verfrachtete: «Er misstraute der Rebellion und wollte nicht, dass sie mich beeinflusste.» 

Diese Gefahr wäre klein gewesen, denn Politik interessiert die Künstlerin bis heute nicht. «Zu direkt, zu ehrlich» sei sie für dieses Geschäft, in dem man «aufs Maul
hocken können muss». Weltoffen und liberal, «ja, das bin ich, aber auf nichts festgelegt», sagt sie mit einem kessen Blick durch ihre signalrote Brille. In den wilden Monaten des gesellschaftlichen Umbruchs frisierte Dominique in der Abgeschiedenheit noble Bürgerinnen und verdiente sich als Unterhalterin von Teekränzchen Benzingeld fürs Töffli. Brav war sie, streng erzogen, «ohne einen einzigen Gedanken an die damals propagierte freie Liebe». 

Ihrem späteren ersten Ehemann, den sie auf einem Wüstentrip in Marokko kennengelernt hatte, folgte sie in die Schweiz, mit ihrem zweiten betreibt sie heute eine Zucht für Blutegel. Über die schleimigen Heiler, die sie für zahlreiche Kuren einsetzt und an Spitäler verkauft, hat sie drei Bücher geschrieben. «Diese Tiere sind meine zweite Leidenschaft neben der Kunststrickerei.» 
Eines hat sie für Demonstrationszwecke riesengross und bis ins letzte Detail in Wolle geschaffen. In einer stillgelegten Metzgerei von Wil hängen Œuvres der Künstlerin, ein gefüllter Fasan und ein Körbchen mit Pilzen findet sich neben einem Fleischwolf, aus dem eine rote Masse quillt. 
Wer genau hinsieht, nimmt auf einigen Auslagestücken gestrickte Schimmelstellen und Schmeissfliegen wahr. «Nichts darf zu perfekt sein, sonst verkommt es zu Kitsch», sagt die einstige Ärztin, die Masche für Masche auch schon menschliche Organe nachgestaltet hat. Zu ihrer kreativen Arbeit kam Dominique Kähler Schweizer «wie Maria zum Kind», ohne Zutun, ohne Absicht. 
«Die besten Dinge im Leben muss man nicht suchen,
die kommen auf einen zu», sagt sieZuerst tüftelte sie für die Kinder ihrer zwei Töchter an knutschweichem Spielzeug herum, dann wurden die unverkäuflichen Objekte zunehmend anspruchsvoller. 

Ein Fisch gehörte zu den anfänglichen, ein anderer, bis auf die Gräten reduziert, war die Fortsetzung. Und irgendwann kamen die Ausstellungen. Die erste in einem Winterthurer Wollladen fand «bombastischen Anklang», erinnert sich die Künstlerin. Vor dem Schaufenster stauten sich Passanten und ganze Schulklassen, «und täglich musste die betatschte Scheibe geputzt werden». 
Seit ihrer Ehrung freut sich die Esswaren-Kreateuse bereits auf den Herbst. An der Olma in St.Gallen steht ihr dieses Jahr nämlich eine VIP-Bratwurst zu. Eine
originale, geniessbare, «zu der nicht mal ich einen Senf dazugeben werde».


Den ganzen Artikel zum blättern mit allen Bildern finden Sie HIER

Das erste Fischobjekt von Madame Tricot.....

.....Und das zweite.....







...da knurrt doch plötzlich der Magen, oder?



...und noch etwas für VegetarierInnen...

...da muss man schon 2x hingucken......

....und bis ins letzte witzige Détail.....die Ratte unter dem Kühlschrank!!!

Wenn Sie mehr über Madame Tricot erfahren möchten, dann besuchen Sie doch ihre Webseite HIER!
Oder folgen Sie ihrem Blog HIER!
Oder HIER finden Sie ein kleines Filminterwiev mit ihr!
Und HIER ein anderes.....


 Auch witzigen Schmuck kreiert Dominique Kähler Schweizer.

Im Rahmen der bis zum 31. Oktober
dauernden Sonderausstellung
«Die Wurst» können dem Agrarmuseum Burgrain in Alberswil LU
bis zum 27. Juni per Post oder persönlich selber gefertigte Wollwürste eingereicht werden.
Tags darauf wird Madame Tricot die originellste prämieren und wie alle anderen für eine Installation verwenden.
Eine Strickanleitung auf www.museumburgrain.ch gibt Inspirationen.

Und nun? Kunst oder Kunsthandwerk? So oder so: witzig ist es allemal!!


Kommentare:

  1. Liebe Judith,

    das ist ja eine tolle Entdeckung!

    Vielleicht sollten wir überlegen, die Dame mit ihrem kalten Buffet zur nächsten TAF - Ausstellung in Zug einzuladen.

    liebe Grüße Gabi

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Judith, welch eine interessante Frau. Sie kommt so sympathisch rüber wie ihre Strickereien. Welch tolle Ideen sie hat. Ich habe auch schon viel gestrickt, aber auf Wurst bin ich noch nicht gekommen. Vielen Dank für diesen Beitrag, er zaubert gleich ein Lächeln ins Gesicht! Liebe Grüße Anette

    AntwortenLöschen
  3. liebe gabi, liebe anette
    ....das wäre eine superidee.....das apèrobuffet an der nächsten teximus-ausstellung nur zum anschauen....!!!!
    ich musste auch richtig schmunzeln als ich die interwievs von madame tricot gesehen habe...sie hat so richtig den französischen charme!
    herzlich judith

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Judith
    Vielen Dank für den netten Beitrag. Ich freue mich, wenn Sie meine Arbeit schätzen. Ich mache gern für Euch ein Apéro riche! Im Bezug zur Terminologie Kunst oder Kunsthandwerk möchte ich auch meine Senf geben. Ich habe den Preis von SG Regierungsrat Klöti entgegengenommen. Er hat ausdrücklich gesagt, dass ich einen Förderpreis für jungen Künstler, egal wie alt ich bin ( Ich habe vor 3 J. mit 3D stricken angefangen) bekomme . Er wollte mich motivieren, um weiter künstlerisch tätig zu sein. Somit bin ich offiziell die erste kantonale anerkannte SG Strick-Künstlerin!
    Um eine Strickhandwerkerin zu sein fehlt mir die Fähigkeit Schnittmuster zu erstellen oder nur zu folgen oder zweimal das gleiche zu stricken. Nichts bei mir ist symmetrisch, ich zähle nie! Ich kann auch nicht erklären, wie es geht. Es strickt in mir, und ich muss nur fähig sein mit vertrauen,was da ist zum Vorschein (ohne Wertung) zu bringen. Es klappt immer, ich muss nie aufmachen. Ich bin definitiv eine Künstlerin und keine Kunsthandwerkerin.
    Très cordialement
    Dominique / madame Tricot

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Dominique
    ...das freut mich natürlich riesig, dass Sie sich selbst zu meinen Blog über Ihre Arbeit melden!!! Ich würde sooooo gerne einmal Ihre Arbeiten "in Natura" sehen!!
    ...und auf Ihr Angebot von einem "Apéro riche" kommen wir bei "teximus2" seeeehr gerne zurück!
    Ich freue mich, wenn ich Ihnen irgendwo einmal persönlich begegne!
    Herzliche Grüsse
    Judith

    AntwortenLöschen