Freitag, 6. März 2015

Scherenschnitte – eine Ausstellung im Landesmuseum, Zürich


von Grietje van der Veen

Zu Scherenschnitten habe ich ein besonderes Verhältnis, einerseits, weil meine Tochter sich lange damit beschäftigt hat und andererseits, weil ich im Zuge meiner Ausbildung für die Quilt Judging Course das Thema Papier als Studienobjekt für das erste Modul gewählt habe. Der Fokus in diesem Modul lag auf die künstlerische Beschäftigung mit Scherenschnitten weltweit.
Von meiner TochterAstrid Andrey, Moon over Utah, Postkarte
Im Zuge meiner Recherchen fand ich heraus, dass die ersten archäologischen Funde von Scherenschnitten – die übrigens nicht nur mit der Schere geschnitten werden, viele Künstler arbeiten auch mit einem Cutter – aus dem 6. Jht datieren. In China begleiteten sie als Grabbeigaben die Verstorbenen ins Jenseits, hatten also einen religiösen Zweck. Ab dem 7. Jht wurden Scherenschnitte sehr beliebt bei den Damen am chinesischen Hof. Damals war Papier sehr teuer, weswegen die einfachen Leute keine Chance hatten, damit zu arbeiten. Das änderte sich im 13. Jht. Da ging der Boom erst richtig los. Jedes Mädchen in China musste das Handwerk lernen und ihre Arbeiten wurden oft zum Massstab für ihre Eignung als künftige Braut. Zu der Zeit verbreitete sich die Schneidekunst über ganz Asien und kam über die Seidenstrasse auch nach Europa. Sehr populär wurden die Scherenschnitte im deutschsprachigen Raum. Jedes Land entwickelte eine eigene Prägung dieses Handwerks, die die typische Folklore ihres Gebietes reflektierte.

In der Schweiz war der Höhepunkt Mitte des 19. Jhts. Johann Jakob Hauswirth (1809-1871) hatte wohl den grössten Einfluss auf die kommenden Generationen. Scherenschnitte im Stil von Hauswirth sind dekorativ und zeigen bevorzugt Pflanzen und Tiere. In der Schweiz sind besonders die Alpaufzüge sehr beliebt, vor allem bei Touristen.

Zurzeit wird eine Ausstellung im Landesmuseum, Zürich, gezeigt mit Werken von Mitgliedern des „Schweizerischen Verein Freunde des Scherenschnitts“. Sie ist das Resultat eines vom Verein ausgeschriebenen Wettbewerbs. Die Mitglieder waren eingeladen, "sich von historischen Werken der Schnittkunst inspirieren zu lassen und diese künstlerisch zu erweitern" (Zitat Katalog). Die vorgegebenen Werke aus früheren Jahrhunderten bilden jeweils das Zentrum einer eigenständigen Gruppe von Scherenschnitten die von der Vorlage inspiriert wurden, sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog.

Eingereicht wurden 197 Bilder von 79 KünstlerInnen. Angenommen wurden 105 Bilder von 65 KünstlerInnen. Der älteste Scherenschneider ist 89, die jüngste 26 Jahre alt. Davon können wir Quilterinnen nur träumen. Auch sind viele Männer in der Ausstellung vertreten.

Es ist nicht gestattet, in der Ausstellung zu fotografieren, also habe ich die Bilder aus dem Katalog kopiert. Da auf jeder 21x21cm Seite zwei bis drei Werke abgebildet sind, lässt die Qualität meiner Kopien sehr zu wünschen übrig. Schade, denn die Scherenschnitte leben von den Details. Ich konzentriere mich hier hauptsächlich auf moderne Interpretationen der vorgegebenen Themen. Ich zeige Ihnen bei jedem Thema zuerst die Vorlage.

Thema 1: Heiliger Ludovicus, ein Heiligenbild in dessen Zentrum ein Medaillon platziert ist.
Ein Heiligenbild aus einem Kloster im Kanton Freiburg, 36,5 x 31 cm, 18. Jht
Die meisten Scherenschnitte in dieser Gruppe halten am Medaillon fest, wobei der Heilige vielfach durch andere, moderne Ikonen ersetzt wird, z.B. Dalai Lama, Heldenratte, Reichtum oder der Heilige Sankt Ego. Auch einige Sportler sind dabei, so auch das witzige Bild vom Wordless Wednesday „Tour de Suisse“ von Krystyna Diethelm, 29 x 23 cm. Auffallend unauffällig der Rennfahrer im gelben Trikot.

Thema 2: Die Brücke
Jean Huber, 11 x 13,5 cm, 18. Jht
Für dieses Thema konnten sich nur drei Scherenschneider begeistern. Dieser Schnitt gefällt mir am besten:
Ines Badertscher, Skywalk in Singapur, 30 x 20 cm

Thema 3: Herde unter Bäumen

Dies war ein sehr beliebtes Thema bei den Scherenschneidern im 18.-19. Jahrhundert.
Die Vorlage ist von Antoinette Lisette Fäsi, Herde unter Bäumen, 44 x 26 cm. 1801, Sammlung Restaurant Hüsy, Blankenburg
Übrigens: der Eigentümer und Küchenchef des Restaurants Hüsy in Blankenburg bei Zweisimmen ist Sammler historischer Scherenschnitte und hat in seinem Haus ein Museum eingerichtet. Neben der privaten Sammlung ist das Archiv des Vereins „Scherenschnitt Schweiz“ im Hüsy untergebracht. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten: Hier finden Sie HIER die Website des Restaurants.

Sehr gefallen haben mir die Schaf- und Ziegenherden von Monika Flütsch. Es war offensichtlich nicht Bedingung alle Elemente der Vorlage zu verwenden. Sie verzichtet auf die Bäume. Tiefenwirkung ist sonst nicht unbedingt ein integriertes Moment in Schweizer Scherenschnitten
Monika Flütsch, Schafherde und Ziegenherde, je 44 x 43 cm


Thema 4: Vogelpaare
Anonym, Vogelpaar, 11,5 x 16 cm, ca. 1800. Das Bild wurde nach dem Schneiden mit Aquarellfarbe koloriert.
Nicht jeder Interpret nahm Vögel als Sujet. Barbara Seiler wählte Wölfe und Werner Gunterswiler ein Kröten- und Fliegenpaar.
Werner Gunterswiler, Die Kröte und Die Fliege, je 37 x 32 cm, beide in ihrer Hässlichkeit unschlagbar schön und detailgetreu.

Schön sind diese Vogelpaare:

Marlys Rohr, Vogelpaare im Flug, 100 x 30 cm
Mittels eines Spiegels und eines beschrifteten Hintergrunds gibt die Künstlerin dem Bild eine dreidimensionale Wirkung. Was man hier nicht erkennen kann: das Wort „Vogelpaare“ ist 2720 Mal auf den Hintergrund geschrieben. Die Schrift ergibt eine leichte Wellenbewegung.

Überhaupt wird auffallend viel mit Glas und Spiegeln gearbeitet. Viele Werke hängen ein wenig von der Wand entfernt. So entsteht eine faszinierende Schattenwirkung.

Thema 5. Apotheke

Die Vorlage ist eine typische Silhouettenarbeit


Anonym, Apotheke des Chorherren Joh. Heinr. Zum Löwenstein, 27,4 x 44,3 cm, um 1790-1800

Auch dieses Thema fand wenig Anklang. Das Bild regte zwar zu moderneren Versionen einer Apotheke (Medikamente findet man auch im Supermarkt), muten trotzdem sehr traditionell an.
Brigitte Rutz, Apotheke 15 x 34 cm.


Thema 6: Liebesbrief

Anonym, Liebebezeugung der Elisabeth Wild von Stäfa, Durchmesser 22 cm, 1810

Sehr dekorativ und romantisch wirken diese beiden Bilder von Renate Weber: Blumen und Spitzen unterlegt mit rechteckigen „Briefen“.

Renate Weber, Romantic Variations I und II. je 35 x 34 cm
Chrystyna Diethelm verlangt mehr Liebe zu unserem Planeten und prangert den unverminderten CO2-Ausstoss an. Autos, Lastwagen, Motorräder und Flugzeuge bewegen sich unentwegt auf und um den Erdball.



Chrystyna Diethelm, Brief an alle, Durchmesser 25 cm

Thema 7, Die Josephsgeschichte. Hier gibt es nur 2 Einreichungen, die mich nicht wirklich überzeugen. Also zeige ich von diesem Thema keine Bilder.

Gruppe 8: Garten


Anonym, Garten, 23,5 x 15 cm, um 1900
Nach wie vor geniessen Naturthemen bei den Scherenschneider grosse Beliebtheit.

Folgendes zauberhafte Bild wirkt wie eine Fotografie:


Katharine Cuthbertson, Himmelsblume, 32 x 28 cm
Sehr interessant und für Scherenschnitte unüblich ist diese Version eines Gartens:
Ruth Bühlmann, Wilder Garten, 3 Bilder, je 15 x 15 cm, in einem Rahmen, zuerst geschnitten und dann entfärbt. Wunderschön.

Gruppe 8: Alpaufzug

Johann Jakob Hauswirth, Alpaufzug, 29 x 41,5 cm, 1858
Das klassische Thema für Schweizer Scherenschnitte findet auch in dieser Ausstellung die meisten Interpreten. Unermüdlich streben die Sennen mit ihren Kühen auf geschwungenen Wegen gen Alp. Folklore pur. Hinzugefügte Lastwagen und Traktors machen die Bilder nicht unbedingt moderner. Umso grösser ist die Überraschung bei diesem Bild:

Angela Christen, Kopfschmuck, 38 x 38 cm
Statt den Alpaufzug aus der Weitwinkelperspektive zu zeigen, konzentriert sich die Künstlerin auf ein Detail. Die Figur und das Kleid der Trägerin sind schlicht gehalten. Die Aufmerksamkeit gilt der detailliert ausgeschnittenen Haube mit der schönen Faltenbildung.

Kritisch setzt sich diese Kartensammlung mit dem Alpaufzug als kommerzielles Element auseinander:

Irene Karpiczenko, Kommerz II (links, )61 x 53 cm, Swiss Souvenir Shop (rechts), 30 x 39 cm
Die Künstlerin fragt: „Wird er (der Alpaufzug) nur noch als kommerzielles Motiv, als Massenprodukt ohne authentischen Bezug zu unserer Umwelt angefertigt?“

Thema 9: Blumenstrauss

Louis David Saugy, Blumenstrauss, 28,5 x 40,5 cm, 1946

Aus dem Rahmen fällt in dieser Gruppe folgendes Werk.

Estrellita Fauqueux, Blumenbouquet, Beide Paneele zusammen 230 x 200 cm
Das Werk besteht aus zwei ähnlich gestalteten Paneelen, von denen ich hier nur eines zeige. Sie hängen im Museum recht hoch, sodass ich das Material nicht recht erkennen konnte. Es handelt sich aber eindeutig nicht um Papier, eher um Polyestervlies. Indem beide Paneele ein wenig von der Wand entfernt hintereinander gehängt sind, zeigt sich eine geheimnisvolle Schattenwirkung. Ein tolles Raumobjekt.

Mein Gesamteindruck der Ausstellung: wunderschöne und handwerklich perfekt geschnittene Bilder. Aber ohne Ecken und Kanten. Liegt das am Konzept? Naturthemen, Heiligenbilder und Alpaufzug als vorgegebene Motive regen nicht gerade zu einer kritischen Auseinandersetzung an. Kritik kommt eher brav daher. Seit der 6. Schweizerischen Scherenschnitt-Ausstellung, die ich 2006 im Landesmuseum Châteaude Prangins gesehen habe, hat sich nicht viel getan.

Vielleicht sollte man die Künstler wieder einfach machen lassen und sie nicht in ein Konzept zwängen.

Möchten Sie alle Bilder der Ausstellung sehen, dann besuchen Sie die Website des Vereins. Klicken Sie HIER . Unter „Aktuell“ finden Sie eine Galerie sämtlicher Werke, die über den Verein zum Verkauf stehen. Viele sind schon verkauft. Auch davon können wir QuilterInnen nur träumen.


Kommentare:

  1. unglaublich was alles mit sehr viiiiiiel Fingerspitzengefühl gemacht werden kann... faszinierend

    AntwortenLöschen
  2. Danke für diesen ausführlichen Bericht! Für mich tun sich da ganz neue, faszinierende Welten auf, ich hätte nicht gedacht, dass diese Kunst noch viele Menschen beherrschen.

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank für den Ausflug in eine Welt, von der ich nicht wusste, dass sie so vielfältig iat. Das sind ja ganz interessante Kunstwerke!!! Unglaublich, was man mit Schere bzw Cutter und Papier alles anstellen kann. Und dass es noch solch einen Zulauf gibt, hätte ich nicht erwartet. Ja, das ist bei uns Quiltern wirklich anders. Da hast du ein wenig meine Scheuklappen gelüftet! Herzliche Grüße Anette

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Alle,
    es freut mich, dass der Artikel so gut angekommen ist. Es geht den Scherenschnitten wie den Quilts. Es gibt eine grosse Scene mit sehr vielen Mitgliedern. Aber Aussenstehende wissen kaum etwas davon. Etwas, was mich immer wieder wundert.
    Liebe Grüsse

    AntwortenLöschen
  5. liebe grietje
    das ist wirklich ein sehr interessanter beitrag! die welt vom scherenschnitt kannte ich vorher auch nur von den eher volkstümlichen motiven. die werke mit denn gräsern, die du vorstellst, finde ich ganz besonders faszinierend. und die idee vom entfärben des papiers gibt eine supertolle wirkung! wenn ich mal bei dir bin, muss ich den katalog der ausstellung unbedingt genauer anschauen!
    liebe grüsse
    judith

    AntwortenLöschen