Freitag, 2. Mai 2014

Eine Entdeckung (Teil 1)

von Cécile Trentini

Es ist nun schon einige Zeit vergangen, seit meinem ersten Anlauf zu diesem Bericht und der Lake Michigan (siehe Wordless Wednesday) hat sein frostiges Kleid abgelegt und leuchtet in seiner ganzen Farbenpracht in der Frühlingssonne, aber die Entdeckung, über die ich berichten wollte, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Bei meinem letzten Besuch in Chicago gingen wir eher zufällig (wir hatten eine Stunde Zeit zu Überbrücken bevor wir zum Flughafen mussten) ins Museum of Contemporary Art .
Ich bin der Überzeugung, dass man sich immer wieder der ganz aktuellen, zeitgenössischen Kunst aussetzen sollte. Häufig verstehe ich sie nicht und finde nur schwer Zugang zu ihr, aber es ist doch immer spannend zu sehen, in welche Richtung Kunst sich entwickelt, was junge Künstler bewegt, was sie erforschen, welche neue Wege sie beschreiten. Und, wie schon so oft bemerkt wurde, Van Gogh, wurde von seinen Zeitgenossen auch nicht verstanden; wer weiss welche „unverständliche“ Künstler von heute, die Klassiker von morgen sein werden? Also, auf ins Museum und mal schauen, was da gezeigt wird.
Und so entdeckte ich den Künstler

William J. O‘Brien

Schon das erste Werk am Eingang der Ausstellung hat mich begeistert


Untitled, 2009
Ölpastel auf Papier,
Leihgabe des Künstlers und der Marianne Boesky Gallery New York
Eine grossformatige Zeichnung, dessen Strukturen durchaus textil anmuten


(Detail)

Auch die nächsten Werke in der Ausstellung, ebenfalls grossformatige Zeichnungen, weisen diesen textilen Charakter auf


Untitled, 2008
Tinte auf Papier
Leihgabe des Künstlers und der Marianne Boesky Gallery New York
   

(Details)

Und so ist es nicht erstaunlich, zu erfahren, dass der 1975 in Eastland, Ohio, geborene Künstler, welcher in Chicago lebt und arbeitet, 2005 sein Studium am Art Institute of Chicago mit einem Master of Fine Arts im Bereich Fiber and Material Studies abschloss.

Aber es sollte noch besser werden…
Weiter im Ausstellungsrundgang entdeckte ich
Untitled, 2008
Email, Stoff, Pappe und Gips auf Leinwand
Sammlung Marilyn und Larry Fields

(Detail)
Sowie weitere Arbeiten, die ich eindeutig als textil bezeichnen würde

Untitled, 2008
Mixed Media
Leihgabe des Künstlers und der Marianne Boesky Gallery, New York


(Detail)

Untitled, 2010
Mixed Media
Sammlung Kim und Joseph Mimran
Untitled, 2007
Leihgabe des Künstlers und der Shane Campbell Gallery, Chicago

Spannend zu sehen, wie frei der Künstler mit textilen Materialien und Techniken umgeht.
Warum nähen, wenn stecken alleine auch reicht?

Untitled, 2007
Mixed Media
Sammlung Dirk Denison und David Salkin

(Detail)

oder Sicherheitsnadeln verwendet werden können

(Detail)

Dishonesty (CHANGE), 2007
Filz, Sicherheitsnadeln, Stoff und Mixed Media
Sammlung Theodore J. Argiris Jr.

Was nicht heisst, dass nicht auch "richtig genäht" wird.
Zwölf einzelne Werke, jedes:

Untitled, 2013
Filz auf Filz
Leihgabe des Künstlers




Einige spannende Werke loten die Grenze zwischen textilen mixed-media Arbeiten und Skulpturen aus:

Core Values, 2007
Mixed Media auf Stoff
Sammlung Maura Ann und Deirdre McBreen
(Detail)   

(Detail)

(Detail)


Death of Mother, 2007
Mixed Media auf Stoff
Leihgabe des Künstlers und der Shane Campbell Gallery, Chicago


(Detail)
Sticky Fingers, 2007
Mixed Media auf Stoff
Sammlung Nancy und David Frej

(Detail)

Bemerkenswert finde ich auch die Tatsache, dass hier ein Künstler gezeigt wird, der mit textilen Materialien arbeitet, ohne dass jedoch je der Begriff „Textilkunst“ benutzt würde. Weder vom Künstler selbst, noch von den Kuratoren, noch in den Katalogtexten. Es wird einfach von zeitgenössischer Kunst gesprochen und höchstens einmal beiläufig erwähnt, dass hier Stoff oder da Filz verwendet wurde. Dasselbe schien ja auch der Fall zu sein, bei den Künstlern, deren Werke Grietje van der Veen in ihrem Beitrag vor zwei Wochen (Besuch im Kroller-Muller-Museum) vorgestellt hat: da waren einige fantastische textile Arbeiten dabei, die aber nicht unter den Oberbegriff Textilkunst gestellt wurden. Einerseits finde ich dies Ermutigung, wie Grietje auch sagte, weiter zu denken, den Horizont zu öffnen und in der Textilkunst mehr zu wagen; andererseits bestätigt es für mich aber auch die Notwendigkeit diese Etikettierung (das ist Textilkunst, das ist Malerei, usw.), so nützlich und einleuchtend sie oft auch scheinen mag, doch immer wieder in Frage zu stellen.

Dies wird auch durch die unheimlich Bandbreite des Werks von William O’Brien veranschaulicht, denn die textilen oder textil-anmutenden Arbeiten waren nur ein Teil dieser Bemerkenswerten Ausstellung. "O’Brien arbeitet seit fast 10 Jahre in einem breiten Betätigungsfeld, das übergangslos von einem Medium zum anderen wechselt: von Skulpturen und Keramikobjekten, zu Zeichnungen, textilen Arbeiten und Malerei (…) in den letzten fünf Jahren hat er dazu geneigt, sich auf Farbe, Formen und geometrische Figuren zu konzentrieren." (übersetzt aus dem Essay im Katalog von Naomi Beckwith "A World Created"). Mehr dazu in meinem nächsten Post in 3 Wochen.

Die Statistik von Blogger zeigt, dass wir auch Leserinnen in den Staaten haben, für die der Weg möglicherweise nicht gar so weit ist. Wer von ihnen also die Gelegenheit hat, nach Chicago zu reisen, sollte sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen!

William J. O’Brien

Museum of Contemporary Art Chicago
bis 18. Mai 2014

Kommentare:

  1. Liebe Cécile,

    ein toller Beitrag.

    Wir müssen in unseren Köpfen aufräumen, das ist es doch!!!

    liebe Grüße Gabi

    AntwortenLöschen
  2. Cécile, du sprichst mir aus der Seele. Irrig tolle Werke. Bin ganz begeistert.

    AntwortenLöschen
  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  4. liebe cécile

    ...warum ist chicago soooo weit weg!! hätte diese austellung auch gerne in natura gesehen.....
    wo gibts denn das hier in europa??? das ist genau der weg, den wir vor augen haben sollten: uns loslösen vom festgefahrenen in zusammenhang mit textilem in der kunst!!! ...aber wir sind ja unterwegs zu solchen zielen...

    liebe grüsse judith

    AntwortenLöschen
  5. Welch eine bemerkenswerte Ausstellung. Darüber wäre ich auch gern gestolpert. Ich freue mich auf die Fortsetzung!!!! LG Anette

    AntwortenLöschen