Freitag, 27. September 2013

Wie weiter?

von Grietje van der Veen


Vor einem guten Jahr, also schon lange vor meiner Ausstellung an der Nadelwelt, zeichnete sich bei mir eine Schaffenskrise ab. Ich war nicht mehr zufrieden und fand vieles, was ich bis dahin gemacht hatte, flach und nichtssagend. Ich entschied mich also, das Ruder umzuwerfen. Weg vom Bild, hin zum Sinnbild.

Eine Schaffenskrise entsteht selten aus dem Nichts. Sie hat einen Grund. Ich kann das, was mich umtreibt, nicht in einem Naturbild darstellen. Ein Vers von Sir Walter Scott brachte die Initialzündung zu meiner neuen Serie:
„Oh what a tangled web we weave
When first we practice to deceive“

Weben und Wickeln wurden zu meinem zentralen Thema. Das Websel ist die Lüge, das Eingewickelt-Sein das Akzeptieren der Lüge. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Wenn es funktioniert, gehören sie zusammen wie Pech und Schwefel.

Die Technik des Umwickelns verwende ich schon seit 2007, war für mich also nicht neu. Die umwickelten Stoffstreifen und Schnüren waren aber bis dahin lediglich Teile meiner Naturbilder.


Zwei Lamellibracchi aus der Tiefseeserie, 2007-2008
Jetzt sollte sie aber ins Zentrum meines Schaffens gerückt werden. Zwei von den drei grösseren Werken, die ich in dem neuen Stil schuf, wurden in Wanderausstellungen aufgenommen, fanden also Anklang.

"Love Letters to P", in der SAQA-Wanderausstellung "Text Messages"
"Wrapped in Lies" in der Wanderausstellung "European Art Quilt"
Zuerst bedrucke ich den Stoff, der zum Weben bestimmt ist, mit Text. Dann wird er geschnitten oder gerissen und nach dem Weben nochmals mit Buchstaben bedruckt. Die umwickelten Streifen enthalten keinen Text. Sie sind sozusagen stumm in ihrer Gutheissung.

Leider muss ich immer wieder längere Pausen einlegen, denn das Umwickeln der Stoffstreifen setzt meinen Fingern böse zu. Schmerzhafte Entzündungen an meinen ohnehin schon nahezu knorpellosen Gelenken zwingen mich, es ruhiger anzugehen.

Inzwischen habe ich aber auch gemerkt, dass ich von der Natur nicht ganz lassen kann (ein Zeichen der Überwindung der Krise?). Noch immer begeistern mich knorrige Bäume, spiegelnde Wasserflächen und bemooste Felsen. Aber ich brauche einen neuen Ansatz. Blosse Abbildung der Natur befriedigt mich nicht mehr. Lediglich die bis heute erstellten Collagen finde ich nach wie vor gut, wie zum Beispiel "Winterschlaf" unten..

"Winterschlaf"

Vor einigen Monaten erfuhr ich vom Naturschutzprojekt „Das Grüne Band“. Damit ist die ehemalige innerdeutsche Grenze, den sogenannten Todesstreifen, gemeint. Das Grenzgebiet bestand nicht einfach nur aus einer Mauer plus Wachttürmen, sondern bildete ein ingeniös ausgeklügeltes System von mehreren Metallgitterzaunen, Minenstreifen, Kfz-Sperrgraben (aus denen es kein Fluchtauto hochschaffte), aus geharktem Spurensicherungsstreifen und dem sog. Kolonnenweg für Lastwagen. Alles in allem war die „Schutzzone“ ca. 500 m breit. Dahinter lag eine weitere ca. 5 km breite „Sperrzone“. Die Bewohner der Sperrzone mussten sich registrieren lassen und durften Besucher nur mit Wochen vorher zu beantragender Genehmigung empfangen. Weitere Schikanen brauche ich nicht aufzuführen, denn sie sind hier nicht das Thema.

Fast gleichzeitig mit der Wende begannen sich Naturschützer aus beiden Seiten des Grenzgebiets dafür einzusetzen, dass der Streifen ganz der Natur überlassen und nicht bebaut wird. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) rief das Projekt „Das Grüne Band“ ins Leben. Der Streifen, der seit 40 Jahren nicht bewirtschaftet gewesen war, sollte im status quo erhalten bleiben. Der BUND kauft(e) weite Teile des ehemaligen innerdeutschen Grenzgebiets und ermöglicht den sonst bedrohten Pflanzen und Tieren, sich dort ungehindert zu vermehren. Aus der ehemaligen „Todesstreifen“ ist inzwischen eine „Lebenslinie“ geworden. Der BUND initiierte eine siebenteilige Grüne-Band-Buchreihe mit Wandervorschlägen, die ich euphorisch ganz gekauft habe. Für die nächsten sechs Jahre weiss ich also, wohin zum Wandern. Das erste Buch habe ich letzte Woche grösstenteils „erwandert“ und bin begeistert. Die Strecke reicht von der Ostsee bis zum Elbufer bei Lauenburg. Durch unzählige Seen lief damals die innerdeutsche Grenze, östlich davon Mecklenburg, westlich Schleswig-Holstein.

Ich brauchte wenig Überzeugungskraft, meine Tochter dazu zu bewegen, mich zu begleiten. Schon seit langem möchte sie Mecklenburg-Vorpommern sehen. Einzige Bedingung: ihr Hund muss mit. Der feierte dort Geburtstag, Weihnachten und Ostern zusammen. Soviel Wasser zum Schwimmen hatte er noch nie erlebt. Zum Glück ist im Herbst die Brutzeit der Wasservögel vorbei. Sonst hätten wir Probleme mit ihm bekommen.


Cliff im Element
Jetzt werde ich das Gesehene und Erlebte in meine Arbeiten einfliessen lassen. Nicht die Grausamkeiten, die an der Grenze stattgefunden haben, sollen im Mittelpunkt stehen, sondern die Kraft der Natur, die sich ein Stück Erde zurückerobert hat, das heute seinesgleichen sucht. Die Anfänge der Entwicklung zum heutigen Status sollen nicht ausgeblendet werden. Jedoch die positive Wendung vom Negativen zu etwas Gutem und Einmaligem soll im Mittelpunkt der Werke stehen.

Wie ich gedenke, dies anzugehen, werde ich nächste Woche erzählen. Judith hat mich gebeten, sie nächste Woche zu vertreten, weil sie bis über beide Ohren in Arbeit steckt. Fertige Arbeiten werde ich natürlich noch nicht zeigen können. Ich hoffe aber, Sie sind trotzdem wieder dabei.

Kommentare:

  1. Hallo
    Du machst wunderschöne Arbeiten. Ich bin schon gespannt auf deine neuen.
    L.G. Doris

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  2. Liebe Grietje, da stammen die 2 wunderschönen Fotos vom Mittwoch sicher aus dieser Gegend!
    Ich verstehe Deine vergangenen Zweifel und bewundere die Art, wie Du daraus wächst ... ich freue mich sehr auf Deine zukünftigen Werke.
    Eliane

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  3. hallo,
    solche Sinn-Schaffens-was-soll-ich-bloß-wie-anfangen- kenne ich im Moment auch. Auf der einen Seite sind da viele Ideen - auf der anderen Seite die Mutlosigkeit etwas damit anzufangen. Aber dass es dann doch geht, sehe ich gerade hier. Wunderschöne Quilts. Lasst uns weitermachen.
    Liebe Grüße
    Martina

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  4. Liebe Blog-Leserinnen,

    Danke für die aufmunternden Worte. Ich habe meine Vorsätze in die Welt hinausposaunt. Jetzt muss ich weitermachen, sonst würde ich mich lächerlich machen. Martina, vielleicht könntest du deine Lähmung auf diese Weise auch überwinden?

    Packen wirs an!!!

    Liebe Grüsse

    Grietje

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  5. liebe grietje
    ...danke, dass du hier so offen über deine schaffenskrise berichtest! ich wünsche dir mit den neuen inneren bildern von der wunderschönen gegend in mecklenburg viele neue inspirationen und bin auch seeehr gespannt, was du daraus entwickelst!

    das gefühl, nicht mehr weiter zu kommen in der künstlerischen arbeit,angst vor dem "was ist-wenn-keine-neuen-ideen-mehr kommen", die zweifel an der eigenen arbeit...etc. kenne ich gut!!
    gerade im moment, wo mein kopf voll ist mit allem, was rund um unser neues siebdruckbuch läuft, druck, versand, logistik, werbung etc. spüre ich diese blockaden bezüglich meiner kunst nur allzugut!
    oft braucht es ein äusserer anlass, ein input, ein ereignis....dann beginnt sich diese innere blockade zu lösen! das ist mir gerade letzte woche passiert! und nach einer fast einjährigen pause beginnt sich nun das rad wieder zu drehen und es brennt mich richtig unter den nägeln zum nähen, malen, kreieren...

    herzliche grüsse
    judith

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  6. Liebe Grietje, es ist sehr spannend und hochinteressant, mal hinter die Quilts in die Köpfe der Künstlerinnen zu schauen. Das finde ich persönlich sehr interessant, weil es mir etwas zu den Werken sagt, was hat es für Gedanken gegeben, wie kam es zur Inspiration und das liebe ich. Es ist leider so selten, solche Geschichten zu lesen. Und es tut mir als Hobby-Patchoworkerin gut zu erleben, dass es auch den bekannten Künstlerinnen ab und an so geht, dass sie nicht weiter wissen und nach Neuem suchen. Das ermuntert dran zu bleiben und auch mal geduldig zu sein und auf den richtigen Gedanken zu warten. Vielen lieben Dank, dass du uns das erzählt hast. Die neuen Quilts finde ich wirklich klasse. Ich bin schon ganz neugierig, wie es weitergeht.
    Herzliche Grüße
    Anette

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  7. Liebe Judith, auch dir ein Dankeschön für das Beschreiben solcher Situationen, wo es kein Weiterkommen gibt. Es tröstet mich und gibt mir neuen Mut nicht aufzugeben.
    Ich wünsche dir, dass du deine neuen Ideen bald ausleben und -arbeiten kannst und die viele Arbeit dich nicht auffrisst. Viel Erfolg dabei.
    Herzliche Grüße
    Anette

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  8. Liebe Anette,
    Es gibt Stimmen, die sagen, man sollte Kunst nicht erklären. Kunst ist eine duale Sache. Der Zuschauer sieht vielleicht etwas anderes, als was der Künstler gemeint hat. Die Interpretation eines Werkes ist ebenfalls ein künstlerischer Akt. Wenn aber der Zuschauer um die Intention des Künstlers weiss, kann er sich besser mit dem Werk auseinander setzen und hat einen grösseren Genuss. Da hast du völlig recht.
    Leider interessieren viele Quilterinnen sich nur für die Technik und weniger um den Inhalt.
    Schon deswegen sollte man etwas darüber erzählen.
    Liebe Grüsse
    Grietje

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  9. Liebe Judith,
    es freut mich, dass es bei dir wieder opsi geht. Wir sind eben keine roboter, die alles nur so abspulen. Private Rückschläge lassen sich nicht so einfach wegstecken.
    grüssli
    Grietje

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  10. Liebe Grietje,
    ja, diese Stimmen kenne ich auch. Aber ich weiß nicht, warum nicht beides möglich ist? Diejenigen, die sich für das "Dahinter" interessieren und mit den Augen des Künstlers sehen wollen, können das doch tun. Und die, die keine Erklärung wollen, lassen es eben sein. Trotzdem man die Geschichte des Kunstwerkes kennt, kann man als Betrachter ja etwas Anderes sehen? Das sollte doch jedem selbst überlassen werden. Ich persönlich finde es so grandios, dass hier Geschichten erzählt werden und freue mich über jeden Beitrag, der ein wenig von den Gedanken preisgibt.Ich hoffe, es gibt noch viel zu genießen. Vielen Dank nochmals dafür.
    Herzliche Grüße
    Anette

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  11. Liebe Grietje,
    danke für die aufmunternden Worte. Sicher wird diese Phase vorbeigehen. Manchmal ist es auch so, dass sich der Alltag mit all seinen Anforderungen über alles stülpt und man sich nicht oder nur sehr schwer davon befreien kann. so geht es mir im Moment. Aber ich werde Wege aus dieser Sackgasse finden.
    Dass sich viele Quilterinnen nur für die Technik interessieren ist schon wahr, ist aber auch der Bewunderung geschuldet: wie hat sie das bloß gemacht? Ich persönlich finde es sehr hilfreich, die Intention des Künstlers zu erfahren, das kann schon durch den Titel geschehen. Und zum Trost: wenn man genug Technik kann oder entschlüsselt hat, verschieben sich die Schwerpunkte und man beginnt sich für das "richtige" zu interessieren. Genauso wie man früher hunderte Fotos geknipst hat und jetzt "nur noch" genießt.
    In diesem Sinne
    Martina

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