Freitag, 12. April 2013

Jurieren - eine riskante Sache?



Von Grietje van der Veen

Eigentlich wollte ich hier eine Zusammenfassung des Workshops in Nottingham (siehe meinen Beitrag vom 10. April) präsentieren. Ich hatte mir so viel davon vorgestellt. Das Thema ist höchst interessant und brennt mich schon lange unter den Nägeln. Der Workshop war aber auf nur einige Stunden angesetzt und die wichtigsten Aspekte konnten wegen Zeitmangels nicht behandelt werden. Das Fotografieren der besprochenen Werke von Leslie Morgan war nicht gestattet, sodass ich meinen Beitrag über die Diskussion nicht einmal mit Bildern unterlegen kann. Also drücke ich hier lediglich meine eigene Meinung zu dem Thema aus. Sie sind also nicht das Resultat der Diskussionen im Workshop. Ich streife heute nur zwei Aspekte.



Das Risiko der Quilterin, ausserhalb der vorgebenen Normen zu arbeiten, und das Risiko der Jurierung der Werke sind zwei Paar Stiefel. Es ist einfacher, wenn man sich an den allgemein bekannten Regel und Prinzipien hält (Kontraste, Harmonie, Farbverteilung, etc.). Da kann eigentlich nicht viel schief gehen. Aber was, wenn man sich nicht daran hält nach dem Motto: Regeln sind da, um gebrochen zu werden? Und wie reagiert die Jury auf so ein Werk? Versteht sie die Absicht? Setzt sie sich einem Risiko aus, wenn sie ein „hässliches“ Werk in eine Ausstellung aufnimmt? Ich stelle mir eine Flut von empörten Briefen vor. Oder was geschieht, wenn eine Künstlerin politische oder gesellschaftliche Themen kontrovers behandelt? Müssen textile Werke immer „schön“ sein? Sind sie nur für die Wohnung bestimmt und nur dort wirklich „daheim“, wie der Möbelhausbesitzer und Organisator der Ausstellung „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“ in Aarau in seiner Ansprache behauptete?
 





„Bons Vivants“ macht sich sicher gut im Wohnzimmer



Aber dieses Werk? Das spottet doch alle Prinzipien. Es druckt eine persönliche Krise aus. Nicht einmal ich finde es schön.


Das sind alles Themen, die eingehender diskutiert werden müssen. Darüber in einem anderen Beitrag.



Noch ein risikoreiches Thema: Verena Lenzlinger, mit der ich zusammen nach Nottingham reiste, hatte einen Beitrag über eine Kontroverse über den patCHquilt-Wettbewerb vom 1996 vorbereitet, den sie nicht vortragen konnte, was sie begreiflicherweise enttäuschte. (Verena, verzeih mir, dass ich die Problematik an deiner Stelle hier bespreche. Ich kann dich nicht fragen, ob du damit einverstanden bist, denn du marschierst jetzt im Sherwood Forest rum.) Ich bespreche hier die Sache von meinem Standpunkt aus, der sich in der Sache mit dem von Verena zwar deckt, aber andere Aspekte in den Vordergrund rückt. 

Ich möchte hier die enge Verzahnung von Wettbewerbsausschreibung und Jurierung thematisieren. Der o.g. Wettbewerb löste deswegen heftige Diskussionen aus, weil das Werk, das für den Umschlag des Katalogs, für Poster und Flyer ausgesucht wurde, eine Kopie eines berühmten Werks von Gustav Klimt war.   

Klimt Werk

Die Quilterin hatte zwar als Zusatz zum Titel „nach Stoclet Fries von Gustav Klimt“ angegeben, aber offensichtlich wurde diese Bemerkung der Jury nicht vermittelt. Der Zusatz wurde im Katalog zwar vermerkt, das Werk rangierte aber merkwürdigerweise unter der Kategorie „Eigener Entwurf“. 


Werk der Quilterin
©patCHquilt VSQ/ASP 1997


Hier zeigen sich zwei verschiedene Probleme. Je weniger präzise die Wettbewerbsbedingungen formuliert sind, umso grösser sind die Interpretationsmöglichkeiten der TeilnehmerInnen. Wenn in den Bedingungen steht, dass Kopien von bestehenden Werken nicht angenommen werden, sollten diese schon im Vorfeld abgelehnt werden. Als Kopien gelten alle Werke, in denen man sofort das Originalwerk erkennt, auch wenn es einige Abweichungen gibt. Was aber, wenn es die Quilterin unterlässt, darauf  hinzuweisen, dass sie ein bestehendes Werk zum Vorbild genommen hat?  Dann wird das Werk juriert. Aber dann haben wir das nächste Problem: wie sattelfest sind die Jurymitglieder in der Kunst und in der Quiltwelt? Die Leute, die Quilts jurieren, haben nicht alle Kunstgeschichte studiert, sondern sind meistens Quilter wie Sie und ich. Um auf das oben erwähnte Risiko von Quilterin und Jurymitglieder zurückzukommen: Hier war das Risiko denkbar ungleich verteilt: Die Quilterin konnte ziemlich sicher sein, dass das Werk angenommen wurde, sobald sie die Hürde der fehlenden Originalität übersprungen hatte. Die Begeisterung weltweit für Klimt ist allgemein bekannt. Die Jury hingegen hatte das volle Risiko. Sie kannte das Werk offensichtlich nicht und verliess sich in ihrem Urteil voll auf die Vorgabe, dass „Kopien anderer Quilts“ (Zitat Ursula König im Katalog) nicht zugelassen waren. Die Organisatoren hatten offensichtlich Kopien von Werken ausserhalb der Quiltwelt nicht in Betracht gezogen. Die Bedingungen waren also nicht präzise genug. Die Jury hatte darauf den Spott.



Übrigens stellt sich ein ähnliches Problem, wenn der Jury ein Werk zur Beurteilung vorgelegt wird, in dem sie eine für ihren speziellen Stil bekannte Künstlerin zu entdecken meint. Was macht die Jury, wenn sie nach Abschluss der Jurierung entdeckt, dass sie einer Nachahmerin aufgesessen ist?



Das Thema ist noch längst nicht ausgeschöpft. Ich werde in weiteren Beiträgen darauf zurückkommen.

Kommentare:

  1. liebe grietje,

    vielen dank für diesen hochinteressanten beitrag.

    die wahl, die eine jury trifft, kann nur den kenntnisstand der kunst- und quiltwelt zugrundelegen, den die juroren haben. aber hinzu kommt auch noch, dass oft noch andere personen nicht sorgfältig arbeiten, z.b. solche, die die sendungen entgegen nehmen und dann nicht alles oder fehlerhaft erfassen und übermitteln.

    was mich am meisten stört, ist, dass auch die kommentare der einsender, die eventuell weiteren aufschluss ermöglichen würden, oft der jury ebenfalls nicht zugänglich sind.

    trotzdem fasziniert mich diese tätigkeit sehr. bin gespannt auf deine weiteren angekündigten beiträge!

    beste grüsse
    gudrun

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  2. I hope I understand your text well (I cannot read German and Google transltes very poorly), but to follow up your point about the Klimt quilt: recently at the Spanish National Exhibition, the top award was given to a quilt copy of a very famous Kandinsky (the title said so, in case one did not identify it) with a border added. I think such quilts should be eligible for craftmanship awards (quilting, appliqué...) but not for overall awards, since these include the design, work of the artist who painted the original.
    Best regards.

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  3. @lafibracreativa.com
    You are right. As this was not the quilter's own design, her work should not have received the highest scores. what a pity.
    Grietje

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